Sie befinden sich auf den Internetseiten von VIVA FAMILIA - Servicestelle für Lokale Bündnisse in Rheinland-Pfalz.
direkt zur Hauptnavigation direkt zum Inhalt


Angela Sgro ist stellvertretende Vorsitzende des Mütter- und FamilienZentrums Ingelheim e.V. (MütZe) und leitet dort die Hausaufgabenbetreuung für 6-14jährige Kinder.
Stimmt es, dass Stress bei Kindern zunimmt? War das früher wirklich anders?
In der Hausaufgabenbetreuung von MütZe beobachten wir, dass der Druck und damit der Stress bei Kindern stark zugenommen hat. Wenn ich an meine Kindheit Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre zurückdenke, da hatten wir nach der Schule und den Hausaufgaben noch viel Freizeit und auch den Raum - das meine ich wörtlich - auf Bäume zu klettern, die Welt zu entdecken und zu erforschen. Heute haben Kinder immer weniger Raum für Freizeit. Hausaufgaben und terminliche Verpflichtungen bedeuten für Kinder ebenso Stress wie für Erwachsene berufliche Anforderungen und private Termine.
Was sind Gründe dafür?
Über die Schule hinaus sind auch die gesellschaftlichen Anforderungen heute oftmals auch viel größer, weil das Allgemeinwissen so vielfältig geworden ist. Es ist kaum leistbar, alles zu beherrschen. Und dann werden die Kinder oftmals noch von Termin zu Termin geschickt: Sportverein, Nachhilfe, Musikverein, Förderunterricht - und zwar nicht nur, weil die Kinder Defizite haben, sondern weil ihre Eltern für Ihre Kinder gute und beste Voraussetzungen wünschen.
Ist das nicht auch verständlich, wenn Eltern ihre Kinder möglichst früh und umfassend fördern wollen? Die moderne Leistungsgesellschaft verlangt das ja geradezu.
Natürlich ist der Wunsch verständlich, seinem Kind so viel wie möglich an die Hand geben zu wollen und es bestmöglichst zu fördern. Die Frage ist aber: Was ist das Beste? Ich denke, das Beste für Kinder ist, ihnen einen geschützten Rahmen zu geben, in dem sie sich entfalten können. Was heute oft unterdrückt wird, ist der natürliche Forscherdrang und die Neugierde der Kinder. Sie werden durch vorgegebene Spielgeräte auf vorgegebenen Spielplätzen in ihren Möglichkeiten sehr eingegrenzt.
Wissen wird oft auswendig gelernt, aber es bleibt nicht nachhaltig hängen. Kinder sollten dagegen die Möglichkeit haben zu lernen, was ihnen Spaß macht und wie sie sich etwas aneignen können.
Meine Tochter zum Beispiel ist viel Laufrad gefahren und alle sagten immer, sie brauche am Fahrrad dann keine Stützräder. Sie brauchte aber trotzdem welche. Irgendwann ging es dann "plötzlich" ohne. Das war einfach ihr Zeitfenster. Die Dinge dann zu machen, wann es zu ihrer eigenen Entwicklung passt, das wird Kindern heute oft nicht mehr gestattet.
Sie würden Eltern also raten, nicht alle "Moden" mitzumachen und dem gesellschaftlichen Druck auch mal Stand zu halten?
Auf jeden Fall. Ich möchte die Musikschule oder andere Aktivitäten nicht schlecht machen. Das ist wichtig und gut, aber nur in einem gewissen Umfang. Es ist zu viel für ein Kind, wenn es heute Musik hat, morgen Schwimmen und übermorgen Förderunterricht. Man sollte Prioritäten setzen und darf das Kind dabei nicht aus den Augen verlieren.
Wie sieht die richtige Balance zwischen Schule und Freizeitprogramm aus?
Es gibt nicht das eine Rezept, weil Kinder verschieden sind. Manche brauchen nach der Schule erst einmal Freiraum und wollen spielen. Anderen macht es nichts aus, sofort die Hausaufgaben zu erledigen und dann noch viermal die Woche zum Sport zu gehen.
Das eigene Kind ist meist nicht so wie das vom Nachbarn, auch wenn das vielleicht zwei Jahre jünger ist und dreimal zum Sport geht. Wichtig ist, aufmerksam mit dem eigenen Kind umzugehen und auch mal zu experimentieren, also Freizeitprogramm zu reduzieren oder etwas anderes anzubieten. Und neben Schule, Hausaufgaben und festen Terminen sollte unbedingt noch genügend Raum zum freien Spielen bleiben.
Manche Kinder möchten aber vielleicht auch Tanzen, Schwimmen und zum Töpferkurs gehen - und sei es nur, weil das auch die Freundin macht.
Wenn ein Kind den Wunsch äußert, sollte man das ruhig ausprobieren - aber aufmerksam sein, ob es nicht doch zu viel ist.
Und wenn mein Kind gar nichts von allem machen möchte und am liebsten nur im Garten rumtollt?
Jeden Tag im Garten rumtoben ist auch gut. Sportverein und Frühenglisch müssen - meiner Meinung nach - nicht sein. Im Übrigen ist Nachlaufen spielen auch Sport. Wichtig ist aber, dass Kinder gemeinsam mit anderen Kindern spielen, denn für Bildung ist auch die Gruppe ganz wichtig. Alleine kommt man auf viele Ideen erst gar nicht, gemeinsam probieren Kinder viel mehr aus und lernen von einander.