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Annette Morawietz-Schäfer ist Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ingelheim
Für Kinder ab 3 Jahren ist der Kindergartenbesuch heutzutage völlig normal …
Die manchmal angeführte Behauptung, es sei nicht optimal, Kleinkinder außerhalb der Familie zu betreuen, kann so nicht aufrecht erhalten werden. Die entwicklungspsychologische Forschung hat in verschiedenen Studien gezeigt, dass Fremdbetreuung von Kleinkindern (0 bis 3 Jahre) die sichere Bindung des Kindes zu seiner primären Bezugsperson nicht negativ beeinflusst - wenn es den Eltern gelingt, den Sicherheit gebenden und wertschätzenden Charakter der Eltern-Kind-Beziehung zu bewahren.
Untersuchungen belegen auch, dass Eltern, die ihr Kind in eine öffentliche Betreuung geben, ein „kompensatorisches Betreuungsverhalten“ zeigen. Das heißt, sie verbringen die gemeinsame Zeit vorher und nachher mit ihren Kindern besonders intensiv und geben ihren Kindern eine für diese Zeit angemessene Zuwendung. Es kann auf die allgemeine Empfehlung verwiesen werden, dass der Arbeitstag der Eltern und der Kita-Aufenthalt der Kinder nicht zu lang sein sollten. Denn nach einem sehr langen Arbeitstag sind Eltern meist nicht mehr in der Lage, angemessen auf ihre Kinder einzugehen. Das kann sich dann negativ auswirken und beispielsweise zu aggressivem Verhalten führen – trotz qualitativ guter öffentlicher Betreuung. Es kommt also hauptsächlich auf die Balance zwischen Fremd- und Familienbetreuung an, damit auch am Tagesausklang das Eltern-Kind-Verhältnis zufriedenstellend ist.
US-Studien haben auch gezeigt, dass Mütter, die beruflich sehr motiviert und engagiert sind und ihre Arbeit als vorteilhaft für sich, das Kind und die Familie begreifen, recht gut eine sichere Qualität der Mutter-Kind-Beziehung herstellen können.
Die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung ist also wichtiger als der Umfang der miteinander verbrachten Zeit?
Ja, aber die gemeinsam verbrachte Zeit muss schon einen gewissen Umfang haben, gerade bei jüngeren Kindern. Je älter Kinder werden, desto mehr können sie auch von qualitativ wertvollen, kürzeren Zeiteinheiten profitieren. Aber Kleinkinder sollten sehr viel konstante Zeit am Tag mit ihren engsten Bezugspersonen, den Eltern, verbringen.
Gibt es einen Zeitpunkt, zu dem ein Kind reif ist für die Kita? Wie erkennen Eltern das?
Es ist schwierig, einen Zeitpunkt zu nennen. Das sieht man einem Kind nicht an, und Kinder sind ja auch sehr unterschiedlich: Das eine ist in der Kita sofort glücklich und zufrieden, das andere klammert an den Eltern. Studien zeigen, dass die Eingewöhnung in die Kita einem Kind unter einem Jahr meist leichter fällt. Gegen Ende des ersten Lebensjahres wird das deutlich schwieriger. Wenn ein Kind auch nach der Eingewöhnungsphase nur weint, sich nicht beruhigen lässt und auch beim Abholen extrem gestresst wirkt, ist es noch zu früh für den Kita-Besuch. Dann sollten es Eltern vielleicht mit einer Tagesmutter versuchen.
Woran erkennen Eltern die Qualität der Betreuungseinrichtung?
Unter anderem an der so genannten „Strukturqualität“, also Gruppengröße, Betreuungsschlüssel und Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher – beispielsweise ob diese eine Zusatzausbildung für die Betreuung von Kleinkindern haben. Die Qualität des pädagogischen Alltags zeigt sich an der Erzieher-Kind-Beziehung: Geben die Erzieherinnen und Erzieher den Kindern ausreichend Sicherheit und Hilfestellung, so dass diese aufeinander zugehen, miteinander spielen, ihre Umgebung erkunden und Anregungen aufnehmen? Wie kompetent die Erzieherinnen und Erzieher sind und wie ihre pädagogische Orientierung aussieht, lässt sich nur in einem persönlichen Gespräch feststellen und daran, wie es den jeweiligen Kindern geht.
Worauf sollten Eltern von unter 3jährigen bei der Betreuungsauswahl besonders achten?
Kinder unter 18 Monaten kommunizieren und interagieren noch nicht miteinander. Deshalb sind größere Gruppen für die Entwicklungsförderung zu diesem Zeitpunkt nicht hilfreich, das haben Studien gezeigt. Stattdessen profitieren Kinder bis zum 18. Lebensmonat mehr von öffentlicher Betreuung in kleinen Gruppen oder bei Tagesmüttern mit einem international empfohlenen Betreuungsschlüssel von bis zu 1:4. Nur dann kann eine Zweierbeziehung zwischen Kind und Bezugsperson entstehen. Das grundlegende Bedürfnis von Säuglingen und Kleinkindern ist nämlich die Verfügbarkeit und soziale Nähe von wenigen Betreuungspersonen. Ab dem 18. Lebensmonat können Kinder Kontakte zu Gleichaltrigen aufnehmen, die wechselseitig sind. Dann werden die Autonomiebestrebungen und der Kontakt zu anderen Personen genauso wichtig. Eine gute Erzieher-Ausbildung und ein niedriger Betreuungsschlüssel von bis zu 1:6 sind dann empfehlenswert.
Was ist beim Einstieg in den Kindergarten wichtig?
Die so genannte „Eingewöhnung“ soll Kindern den Wechsel von der Familien- zur Fremdbetreuung erleichtern. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich solche Eingewöhnungsprogramme vor allem positiv auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken. Da das begleitende Elternteil während der Eingewöhnungszeit sehr intensiv Zeit mit dem Kind verbringt, es beobachtet und sensibel für das Kind ist, erfährt das Kind Sicherheit vor allem in der Beziehung zur Bezugsperson.
Was kann eine gute Kinderbetreuungseinrichtung leisten - und was nicht?
Wenn die Gruppenbeziehungen stabil sind, die Erzieherinnen und Erzieher sich gut in die Gruppendynamik und das gezeigte Verhalten der Kinder einfühlen, dies gut steuern und die besonderen Erzieher-Kind-Bindungen sicher sind, profitieren Kinder ab dem 2. Lebensjahr in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung vom Kita-Besuch. Sie sind sozial offener, beliebter, einfühlsamer, unabhängiger, zielorientierter und kooperativer, das haben Studien gezeigt. Gibt es in der Kita allerdings viele Konflikte, ohne dass die Erzieherinnen und Erzieher lösungsorientiert eingreifen, können Kinder - insbesondere in den frühen Gleichaltrigen-Gruppen - antisoziale Gruppenmuster und Aggressionen entwickeln.
Für die kognitive Entwicklung sind Betreuungseinrichtungen „Entwicklungspuffer“. Das bedeutet: Bei nicht optimaler Familienbetreuung hat der Kita-Besuch positiven Einfluss, vor allem auf die sprachliche Entwicklung. Bei optimaler Familienbetreuung besteht dagegen die Gefahr, dass die sprachliche Entwicklung eines Kindes leidet. Deshalb ist es wichtig, dass die Betreuung von höchster Qualität ist. Aber egal wie gut eine Betreuungseinrichtung ist, die Eltern-Kind-Beziehung kann und soll sie nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.