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Kleine Kinder - große Wutanfälle - das Interview

Herta Wiprich, Diplom-Psychologin, leitet das Caritas-Beratungszentrum St. Nikolaus für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Mainz

Das Thema der „tyrannischen Kinder“ beschäftigt seit einiger Zeit die Medien, unter anderem aufgrund der Bücher des Kinderpsychiaters Dr. Michael Winterhoff und des ehemaligen Internatsleiters in Salem Dr. Bernhard Bueb. Teilen Sie deren Diagnose, dass unsere Kinder reihenweise zu Tyrannen mutieren?

Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Unsere Kinder mutieren nicht reihenweise zu Tyrannen - das wäre schrecklich. Das Leben ist viel komplizierter, als es einige Bücher zu diesem Thema widerspiegeln. Darin wird meist nur ein Ausschnitt der Eltern-Kind-Beziehung gezeigt, nämlich der konfliktgeladene. Die andere Seite, die es immer auch gibt, fällt unter den Tisch. Das Problematische daran ist, dass Kinder dadurch insgesamt „abgestempelt“ werden – und ihre Eltern dazu. Natürlich gibt es Kinder, die sich schwerer lenken lassen als andere und von ihren Eltern mit viel Kraft eine Reaktion einfordern – aber zu einem anderen Zeitpunkt sind diese Kinder kompromissbereit und verständnisvoll. Und Kinder, die ihre Eltern herausfordern, vitalisieren ihre Eltern ja auch mit ihrer Sicht der Welt. Das wird immer nur so negativ beschrieben, aber Eltern lernen dabei ja auch viel.

Was ist mit dem Begriff „Tyrannen“ eigentlich gemeint? 

Kinder durchlaufen verschiedene Entwicklungsphasen. Dazu gehören auch Phasen, in denen sie viel Contra geben. Früher hat man das beispielsweise „Trotzphase“ genannt und akzeptiert - heute wird das stark hinterfragt und teilweise als „tyrannisch“ bezeichnet, weil man es als Störung empfindet. Die Entwicklungsphasen sind aber wichtige Übungen fürs Leben, weil Kinder sich um zunehmende Selbständigkeit bemühen. Es gibt ja auch bei Erwachsenen noch Entwicklungsphasen, die oft mit intensiven Gefühlen einhergehen, zum Beispiel die „Midlife-Crisis“.

Das heißt, Trotz und Widerstand gegen Erwachsene gehören auch zur Kindheit?

Ja, das ist ein Teil der Entwicklung. Kinder fordern damit allerdings auch die Erwachsenen heraus – das ist für Eltern eine Entwicklungsaufgabe. Bei manchen Kindern ist das sehr stark ausgeprägt, die sind außerordentlich willensstark. Andere sind eher zurückhaltend und man spürt das gar nicht.

Gibt es eine Erklärung, warum „Trotz“ bei manchen Kindern so stark ausgeprägt ist? 

Das ist die ewige und sich immer wiederholende Diskussion zwischen der Bedeutung von Veranlagung und Umwelt. Es gibt auf jeden Fall unterschiedliche Temperamente, das sagt auch die Wissenschaft. Wie stark das dann zur Ausprägung kommt, erleben Eltern in der Erziehung.

Für Eltern heißt das, dass es wichtig ist, ihre Kinder in der Entwicklung zu begleiten, genau hinzuhören und zu versuchen, die Belange der Kinder zu verstehen. Erziehung setzt immer Beziehung voraus und Erziehung heißt, auf den Hintergrund eines Verhaltens zu reagieren. Also nicht nur sagen: „Du darfst andere nicht treten“, sondern auch hinterfragen, warum das Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt und ihm deutlich machen, warum zum Beispiel Treten auf keinen Fall in Ordnung ist. 

Deutet die große Nachfrage nach Sendungen wie "Die Super-Nanny" und entsprechenden Erziehungsratgebern darauf hin, dass Eltern unsicherer geworden sind?

Einerseits sind solche Sendungen ja gut aufgemacht und zum Teil auch unterhaltsam. Aber es ist offensichtlich schon so, dass heutige Eltern stark verunsichert sind im Vergleich zu Eltern vor 50 Jahren. Erziehung ist sehr öffentlich geworden – auch durch entsprechende Gesetze wie das Recht von Kindern auf gewaltfreie Erziehung – und jeder hat etwas dazu zu sagen. 

Manche Eltern begründen Ihren Erziehungsstil mit der Antwort: „Ich möchte nicht den Willen meines Kindes brechen.“ Was sagen Sie dazu? 

Eine allgemeine Einschätzung dazu ist schwierig. Da müsste ich schon die genaue Situation kennen. Natürlich kann man es einem Kind nicht überlassen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Dazu ist es noch gar nicht in der Lage. Erwachsene haben nun mal einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung. Deshalb ist es ihre Aufgabe, konstante Grenzen und Regeln festzulegen und durchzuhalten. Wichtig ist dabei die Art und Weise: Also nicht einfach nur eine Regel mit Macht durchsetzen, sondern auch erklären, warum die Regel sinnvoll und wichtig ist – dann hat das nichts mit Machtausübung zu tun. Man sollte sich aber auch vor Augen halten, dass Kinder Grenzen überschreiten dürfen und müssen, um ihre Umwelt zu erobern.

Winterhoff und Bueb warnen davor, dass sich die Rollen und Machtpositionen von Eltern und Kindern umkehren und plädieren deshalb für mehr Disziplin, Ordnung und Kontrolle in der Erziehung … 

Ich plädiere für eine humanistische Erziehung, die an den Stärken von Eltern und Kindern orientiert ist. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder kompromissfähig, selbstsicher, eigenständig und würdevoll werden und dabei die Grenzen anderer achten, müssen wir ihnen das vorleben. Wie soll ein Kind sich zu einem würdevollen und eigenständigen Menschen entwickeln, wenn es autoritär von oben bestimmt wird?

Was sind in Ihren Augen die wichtigsten drei Säulen der Kindererziehung? 

Erstens: Liebe – das gibt Geborgenheit. Zweitens: Wertschätzung, die nicht an Bedingungen gebunden ist – also nicht: „Ich mag dich, wenn du dieses oder jenes tust“, sondern: „Ich mag dich, aber ich möchte nicht, dass du andere Kinder trittst.“ Und drittens: Entwicklungsbegleitung durch Orientierung und positive Vorbildfunktion. 

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