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Kleine Kinder - große Wutanfälle

Kleine Tyrannen, respekt- und orientierungslose Kinder, deren Erziehung vollkommen aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint, begegnen uns im Alltag immer öfter. Das zumindest sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff. Seit Monaten steht sein Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ auf den deutschen Bestsellerlisten. Winterhoffs Fazit lautet: Immer mehr Eltern versuchen ihre zunehmende Orientierungslosigkeit durch ihre Kinder zu kompensieren und vernachlässigen dabei die mangelnde seelische Reife der Kinder. Die Kinder stellen sich nicht mehr auf ihr Gegenüber ein, sondern zwingen es, sich umgekehrt auf sie einzustellen. So lernen sie nicht, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen.

Ähnlich äußerte sich zwei Jahre zuvor bereits Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Salem. Die Kernthese seines Buches „Lob der Disziplin“ lautet zusammengefasst: Die Generation der 1968er hat mit ihrem antiautoritären Erziehungsstil Macht, Autorität und Disziplin entwertet. Die Folgen bei Kindern und Jugendlichen sind nun Orientierungs- und Respektlosigkeit, Egoismus und mangelnde Bereitschaft, sich auch einmal anzupassen.

Ein großer Teil der Erwachsenen teilt diese Standpunkte offensichtlich. Laut „Generationenbarometer 2009“ des Instituts für Demoskopie Allensbach sind in Deutschland 60 Prozent der Meinung, dass Kinder keine klaren Regeln und Vorgaben kennen. Und 27 Prozent der Eltern von 10- bis 15jährigen Kindern halten die eigenen Sprösslinge für zu egoistisch.

Es gibt aber auch viele Fachleute, die die Diagnose von Winterhoff und Bueb sehr kritisch sehen, beispielsweise der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann oder der Kinderarzt und Fachbuchautor Dr. Remo H. Largo. „Die meisten Kinder sind nicht deshalb ungehorsam, weil ihre Eltern zu fürsorglich sind, sondern weil sie von ihnen zu wenig Zuwendung erhalten“, sagte Largo im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Denn wenn sich ein Kind nicht geborgen fühle, verweigere es eher den Gehorsam und suche negative Aufmerksamkeit, „die immer noch besser ist als gar keine“, so Largo. Er plädiert deshalb für eine „beziehungsorientierte Erziehung“. Wenn es immer wieder Konflikte gebe, „dann sollten die Eltern nicht in erster Linie die Disziplin verschärfen, sondern sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen. Aber nicht mehr Zeit zur Kontrolle der Hausaufgaben, sondern für Aktivitäten, die dem Kind Freude machen und seine Beziehung zu den Eltern stärken“, rät Largo. 

In einem allerdings sind sich die Fachleute einig: Eltern müssen ihrem Kind Grenzen setzen. Wichtig sei dabei aber die Art und Weise: „Also nicht einfach nur eine Regel mit Macht durchsetzen, sondern auch erklären, warum die Regel sinnvoll und wichtig ist“, betont die Diplom-Psychologin Herta Wiprich. Aus der Flut von Erziehungsratgebern grundsätzlich einzelne zu empfehlen, hält sie für schwierig: „Man muss den Leser und seine Fragen schon genau kennen, um einen Ratgeber zu empfehlen.“ Wiprich rät deshalb, in Konfliktfällen eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen oder die Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsfragen zu nutzen: „Hier erhält man kompetente Hilfe und erste wichtige Tipps.“

Unterstützung erhalten Eltern außerdem in Elternkursen und Erziehungstrainings, ein Ausschnitt aus diesen Elternbildungsangeboten wird im Folgenden vorgestellt. Die Programme setzen allesamt darauf, eine positive Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen, die Entwicklung des Kindes zu fördern und Eltern die Fähigkeit zu vermitteln, in schwierigen Situationen konsequent und konstruktiv zu reagieren:

"Auf den Anfang kommt es an" ist ein Kursangebot für werdende und junge Eltern, das unter anderem auch vom Caritas-Beratungszentrum Mainz angeboten wird. Dem Konzept liegen die neuesten Erkenntnisse aus der modernen Entwicklungspsychologie und der Säuglingsforschung zugrunde. Eltern erhalten gezielte Informationen, wie sie eine sichere und gelungene Bindung zu ihrem Baby entwickeln können, indem sie beispielsweise die Sprache ihres Babys entschlüsseln und lernen, darauf angemessen und feinfühlig zu reagieren. Ziel ist, von Anfang an eine sichere und vertrauensvolle Eltern-Kind-Beziehung zu fördern – als solide Grundlage für die weitere Erziehung.

Starke Eltern – Starke Kinder“ heißen die Elternkurse, die der Deutsche Kinderschutzbund bundesweit anbietet. Ziel ist es, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken, Wege zur Konfliktlösung aufzuzeigen und eine gewaltfreie Erziehung zu realisieren. Teilnehmende Eltern eignen sich einen so genannten „anleitenden Erziehungsstil“ an, der zwar klare Grenzen setzt und die Selbstständigkeit des Kindes trotzdem unterstützt.

Weitere Informationen: www.sesk.de

Das Programm EFFEKT (Entwicklungsförderung in Familien - Eltern- und Kinder-Training) wurde an der Universität Erlangen-Nürnberg entwickelt und besteht aus einem Eltern- und einem spielerischen Kinderkurs. Die Kurse können einzeln und in Kombination belegt werden. Im Elterntraining lernen die Eltern unter anderem die Grundregeln positiver Erziehung und wie mit schwierigen Erziehungssituationen umgegangen werden kann.

Weitere Informationen: www.effekt-training.de

Das Elternkurskonzept Kess (kooperativ, ermutigend, sozial, situationsorientiert), entwickelt von der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung (AKF), basiert auf einem demokratisch-respektvollen Erziehungsstil. Dabei steht für die AKF im Mittelpunkt: „Kooperation entwickeln, ermutigen, die sozialen Grundbedürfnisse achten, Grenzen respektvoll setzen und situationsorientiert handeln, d.h. dem Kind Wahlmöglichkeiten geben und ihm die Folgen des eigenen Handelns zumuten. Die Eltern werden zudem darin bestärkt, ihre eigenen Stärken wie die der Kinder in den Blick zu nehmen.“

Weitere Informationen: www.kess-erziehen.de

STEP ist das „Systematic Training for Effective Parenting (Systematisches Training für Eltern)“. Es wurde 1976 in den USA entwickelt und will ebenfalls eine demokratische, respektvolle Erziehung vermitteln. STEP unterstützt Teilnehmende darin, ihren Kindern aufmerksam zuzuhören und sich selbst wiederum so auszudrücken, dass die Kinder ihnen zuhören. Außerdem sollen Eltern lernen, das eigene impulsive Verhalten zu steuern und ihren Kindern angemessene Grenzen zu setzen.

Weitere Informationen: www.instep-online.de

Weitere Informationen:

Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung: www.bke-beratung.de

Elternkursprogramm „Auf den Anfang kommt es an - Ein Kurs für junge Eltern" des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen (MASGFF): 
Zugehöriges Kursmaterial (Euro 12,00 zuzgl. 3,90 EUR Porto im LZG-Shop)

Adler, Christoph/ Adler, Sabine/ Herz, Claudia:
"Die kesse Katharina und ihre Freunde - Geschichten von Gefühlen und vom Miteinander"
Lahn-Verlag GmbH, August 2009

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