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Diplom-Soziologe und -Pädagoge Michael Grunewald, Referent für Jugend und Gesellschaft beim Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Wie viel Medienkonsum verträgt mein Kind? – Diese Frage stellen sich viele Eltern, insbesondere mit der Befürchtung, dass eine erhöhte Mediennutzung negative Auswirkungen auf die Entwicklung ihres Kindes haben könnte. Herr Grunewald, gibt es Richtlinien für eine angemessene Mediennutzung im Kindesalter?

Es gibt zum Beispiel eine Empfehlung, die besagt, dass Kinder im Vorschulalter nicht mehr als 15 bis 30 Minuten pro Tag vor dem Fernseher verbringen sollten, das würde ich auch unterstützen. Grundsätzlich bin ich aber der Auffassung, dass Mediennutzung in dem Maße erlaubt sein sollte, wie sie innerhalb der Familie vertretbar ist. 

An welchen Kriterien machen Sie das fest? 

Kinder lernen vor allem über die Eltern, die sie sich zum Vorbild nehmen. Wenn zum Beispiel der Computer fester Bestandteil im Medienverhalten der Eltern ist, werden die Kinder meist durch kindliche Neugier darauf aufmerksam und interessieren sich – dann sollte man kein Tabu verhängen, sondern den Kindern die Medien altersgerecht nahe bringen und sie in einem begrenzten Rahmen teilhaben lassen. Wichtig ist darüber hinaus natürlich das Aufzeigen von Alternativen, gerade im Kindes- und Entdeckungsalter.

Jeder sollte also ein individuelles Maß für die Mediennutzung von Kindern definieren?

Ja. Den Eltern, die mich um Rat fragen, sage ich immer: Niemand kennt Ihr Kind so gut wie Sie. Also achten Sie auf Ihr Kind und hören Sie auf Ihr Gefühl. Das setzt natürlich voraus, dass ich das Medienverhalten meines Kindes kenne und merke, wann es meinem Kind nicht gut tut. Laut KIM-Studie 2008 nutzen zum Beispiel zunehmend mehr Kinder unbeaufsichtigt das Internet, obschon 82 Prozent der befragten Haupterzieher weitestgehend der Ansicht sind, dass das Internet für Kinder gefährlich ist.

Das heißt, es geht vor allem um Medienerziehung und Medienkompetenz?

Ja, Kinder müssen an Medien herangeführt werden. In diesem Sinne stelle ich gerne einen Bezug her zwischen Medienerziehung und Verkehrserziehung: Im Straßenverkehr lassen Sie als Eltern Ihre Kinder auch nicht unbeaufsichtigt, sondern erklären ihnen die Verkehrsregeln und machen Sie auf Gefahrenpotenziale aufmerksam. Mit ähnlicher Vorsicht sollten Sie auch in punkto Medienerziehung Ihre Kinder an die Hand nehmen und sie bei ihren ersten Schritten, beispielsweise ins Internet, begleiten. Das hat auch den Vorteil, dass Sie das Medienverhalten Ihres Kindes von Anfang an im Auge behalten können, und damit auch die gesamte Entwicklung Ihres Kindes besser im Blick haben.

Gibt es Indikatoren, die mir anzeigen, dass das Medienverhalten meines Kindes sich nachteilig auf seine Entwicklung auswirkt?

Auffällig wird ein bestimmtes Nutzungsverhalten grundsätzlich dann, wenn es überhandnimmt, wenn ein Kind beispielsweise mehr als vier oder fünf Stunden täglich mit einem bestimmten Medium verbringt. Wir sprechen dann von einer exzessiven Nutzung, wobei diese nicht zwangsläufig schadhaft sein muss. Kritisch wird es, sobald ein Kind oder Jugendlicher sich einseitig für kaum noch etwas anderes interessiert, wenn Freunde, Sport u.Ä. ins Hintertreffen geraten. Die entscheidende Frage in einem solchen Fall sollte dann sein: Weshalb sieht mein Kind beispielsweise so viel fern? Welche Funktion übernimmt das Fernsehen? Oder auch: Warum ist mein Kind fasziniert von Gewalt darstellenden PC-Spielen?

Demnach geht es also vor allem um die Beweggründe, die zu einer verstärkten Mediennutzung führen. Worauf sollten Eltern hier achten?

Bei der Bedeutung und Funktion, die Medien für uns annehmen können, unterscheiden wir zwei Nutzungsarten: die komplementäre und die kompensatorische Nutzung. Bei der komplementären Nutzung sehen wir zum Beispiel zielgerichtet eine Fußball-Übertragung an, bei der wir gespannt mitfiebern, oder wir chatten mit Freunden: In diesem Fall ist die Mediennutzung eine bewusste Beschäftigung in Ergänzung zu anderen Schwerpunkten, die unseren Alltag bestimmen. Bei der kompensatorischen Nutzung wollen wir etwas ausgleichen, einen Mangel, eine negative Erfahrung etwa. Beispielsweise flüchtet ein Kind sich in digitale Ritter- und Heldensagen, um durch Videospiele zu kompensieren, dass es zuwenig Anerkennung und Bestätigung erfährt. Eltern sollten darauf achten, dass Medien nicht zum Ersatz für unerfüllte Bedürfnisse oder unterdrückte Gefühle werden. Auch deshalb empfehle ich, Medien weitestgehend mit den Kindern gemeinsam zu nutzen oder sich zum Beispiel für die neueste Alien-Generation im Lieblings-PC-Spiel Ihres Sohnes zu interessieren.

Für viele Eltern ist die Bedienung von Spielkonsolen oder das Treffen in Internet-Communities ein Buch mit sieben Siegeln. Wie kann man –diesem „Wissens- und Erfahrungsrückstand“ zum Trotz– dem Medienverhalten der eigenen Kinder Herr werden?

Man sollte immer klare Regeln setzen, beispielsweise eine Zeitspanne vorgeben, wie lange pro Tag am Computer gesessen werden darf, oder auch eine maximale Nutzungszeit definieren, die für die Gesamtheit aller Medien gilt. Hilfreich kann u. a. auch eine Jugendschutz-Software für den PC sein, mit der Befugnisse vorab definiert werden können. Wichtig ist, dass die aufgestellten Regeln eingehalten werden, auch seitens der Eltern. Gerade wenn Eltern beispielsweise den Verlauf von PC-Spielen nicht nachvollziehen können, neigen sie oft dazu, dem Bitten, Flehen oder Feilschen der Kinder nachzugeben – nur noch zehn Minuten, dann habe ich das nächste Level erreicht, das ist wichtig, sonst war alles umsonst... Machen Sie sich immer klar: Wie in anderen Bereichen, bestimmen auch hier Sie die Grenzen – und Kinder brauchen Grenzen, Maßstäbe und Regeln, an denen sie sich orientieren können; in immer weiteren Medienwelten vielleicht umso mehr.

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