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Interview mit Thilo Ast,

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Rheinhessenfachklinik Mainz 

Ist es möglich, dass Kinder depressiv werden?
Ebenso wie Erwachsene können auch Kinder und Jugendliche bereits an einer Depression erkranken. Das kommt gar nicht so selten vor: Man geht davon aus, dass zwischen drei und zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen von einer depressiven Erkrankung betroffen sein können, wobei es im Jugendalter zu einer Zunahme kommt. Es ist allerdings wichtig zu beachten, dass die Krankheit bei Kindern und Jugendlichen ganz andere Formen annehmen kann als bei Erwachsenen.

Wie zeigt sich die Krankheit denn bei Kindern?
Auch bei Kindern und Jugendlichen können die typischen Symptome Traurigkeit, Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug vorkommen, aber das muss nicht so sein: Depressionen in diesem Alter können sich zum Beispiel auch durch andere Auffälligkeiten im Sozialverhalten zeigen. Wenn Kinder aggressiv oder unruhig werden, kann das die Reaktion des Kindes auf eine depressive Verstimmung sein. Zudem können auch psychosomatische Beschwerden, Auffälligkeiten im Essverhalten, Bettnässen u.ä. auftreten. 

Woran können Eltern denn zweifelsfrei erkennen, dass bei ihrem Kind eine Depression vorliegt?
Das ist nicht so einfach zu differenzieren, da Kinder auch im Laufe einer normalen Entwicklung in ihrem Verhalten immer mal wieder „schwierig“ sein können. Die beschriebenen Auffälligkeiten können somit auch ganz andere Ursachen haben. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder gut beobachten: In dem Moment, in dem sie tiefgreifende Wesensveränderungen bemerken, die gar nicht mehr zur Gesamtpersönlichkeit passen und der Alltag des Kindes sich stark verändert, da sollten Eltern einschreiten.

Was sollten Eltern tun, wenn sie den Eindruck haben, dass ihr Kind unter einer Depression leidet?
Sie sollten ihr Kind nicht bedrängend, aber offen und anteilnehmend ansprechen, Verständnis signalisieren und ihm mitteilen, dass sie eine Veränderung beobachten und ihm gerne helfen möchten. Da gibt es verschiedene fachliche Möglichkeiten: Sie können dem Kind vorschlagen, zum Kinder- bzw. Hausarzt zu gehen oder einen Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychotherapeuten aufzusuchen.

Gerade heranwachsende Kinder reagieren da aber vielleicht eher störrisch?Psychotherapie ist ja nur eine von mehreren Möglichkeiten, die man nutzen kann; wenn sich das Kind komplett verweigert, ist eine Therapie tatsächlich zunächst wenig sinnvoll. Eine andere Möglichkeit wäre zu versuchen, das Kind zu aktivieren, indem man es mit seinem Einvernehmen in Vereins- bzw. andere Aktivitäten bewusst einbindet.

Welche Ursachen haben Depressionen bei Kindern?
Kognitive und soziale Überforderung kann gerade im Kindes- und Jugendalter häufig zu Depressionen führen, auch traumatische Ereignisse wie der Tod eines geliebten Menschen können Depressionen auslösen. Die Ursachen sind mannigfaltiger Art, so wie auch Verlauf und Schwere der Erkrankung ganz unterschiedlich sein können.

Wie gefährlich sind Depressionen bei Kindern?
Depression ist eine schwere Krankheit, die nicht verharmlost werden darf. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Eine mögliche Folge kann sogar ein Suizid sein. Darüber, sich selbst zu töten, denken auch schon depressive Jugendliche nach. Wenn Eltern solche Gedanken bemerken oder gar etwas von konkreten Plänen erfahren, sollten sie sich mit dem Kind sofort, auch notfallmäßig und gegen seinen Willen, bei einem Fachmann vorstellen.

Leiden Menschen, wenn sie schon jung erkranken, ihr Leben lang unter Depressionen? 
Depressionen sind eine Krankheit, die gerade bei Kindern und Jugendlichen früh erkannt gut behandelt werden kann, was von psychotherapeutischen bis hin zu pharmakologischen Maßnahmen reicht. Zudem sind manche depressiven Symptome auch der kindlich-jugendlichen Entwicklung geschuldet und gehören insofern bis zu einem gewissen Grad „dazu“. Üblicherweise sind in diesem Alter die Ausprägungen der Depression häufig noch nicht so stark wie bei Erwachsenen und können dann erfolgreich behandelt werden, wenn rechtzeitig eingegriffen wird.

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