Sie befinden sich auf den Internetseiten von VIVA FAMILIA - Servicestelle für Lokale Bündnisse in Rheinland-Pfalz.



Drucken

Seite durchsuchen zurück zu letzten Seite Seite ausdrucken

Inhalt

Nullpromille zum Zapfenstreich um zehn

"Alle dürfen bis Mitternacht durchtanzen, nur ich muss schon um zehn zuhause sein", klagt die 14-jährige Lena. Die Eltern nerven, reden in alles rein und verstehen einfach gar nichts. Dem 16-jährigen David geht es genauso. "Nach einer Party war ich einmal richtig betrunken, da hat sich mein Vater total aufgeregt und jetzt gibt es ständig Kontrollen und Hausarrest."

Es ist die Hightime der Pubertät: 14-16-Jährige klagen über Dauerstress in der Schule und mit "den Alten". Streitpunkte sind die Ordnung im Zimmer oder die gewünschte Hilfe im Haushalt. Vor allem Teenager-Mädchen kommen überdies mit ihren hormonell bedingten Gefühlsschwankungen nicht besonders gut zurecht. In einem Moment sind sie aggressiv oder extrovertiert, im nächsten weinerlich, traurig und zurückgezogen. Stärker als ihre männlichen Altersgenossen haben sie auch Probleme, sich mit ihrem "neuen Körper" zu arrangieren. Jungs gehen dagegen vermehrt Risiken ein und loten immer wieder ihre Grenzen aus.

"Der Klassiker ist die vereinbarte Ausgehzeit", resümiert Barbara Tillmann von der Sucht- und Jugendberatungsstelle in Ingelheim. "Die Teenager kommen immer wieder mal 15 oder 30 Minuten später als die vereinbarte Zeit nach Hause oder rufen von unterwegs an, weil sie noch jemand getroffen haben und länger bleiben möchten."
Jungs treffen sich in diesem Alter gerne privat oder auf Events, um PC zu spielen. Nicht wenige betrinken sich ganz gezielt am Wochenende. "Eine Phase, die sich ab 20 bis 25 Jahren in der Regel wieder verläuft", wie Tillmann aus ihrer Praxis weiß.

"Aber es machen doch alle!" ist dabei ein gern vorgetragenes Argument seitens der Jugendlichen. Die Zugehörigkeit zu einer Clique ist für sie immens wichtig: Denn wer zu einem bestimmten Freundeskreis gehört, der ist auch wer und hat auch was zu sagen. "Der Selbstwert steigt enorm in einer solchen Gruppe", sagt Tillmann. "Das sollten die Eltern nicht unterschätzen." Ihre Kinder, die sich in diesem Alter von ihrer früheren kindlichen Identität ablösen, suchen nach einer neuen Identität.

In dieser Phase der Abgrenzung klagen Eltern oft darüber, dass der Umgangston leidet: Ihre lieben Kleinen sind plötzlich zickig und frech, respektlos und aufmüpfig. "Ich mache das, wann ich will. Du kannst mir gar nichts mehr sagen!" als Antwort auf die Bitte, das Geschirr wegzuräumen, ist keine Seltenheit. Die Teenager wollen nicht mehr gemeinsam mit den Eltern am Tisch sitzen, sondern lieber mit dem Essen vor dem Fernseher oder PC "abhängen".

"Regeln erleichtern den Alltag", weiß Tillmann in dieser Situation Rat. "Diese Regeln sollten für alle verständlich sein und zusammen mit den Jugendlichen verhandelt werden." Die Arbeiten im Haushalt zum Beispiel zählt die Diplompädagogin zu den allgemeinen Familienaufgaben. Eine Regel könnte daher sein, dass der Teenager jeden Tag etwas in der Küche oder im Garten hilft. Wichtig ist natürlich, dass an Regeln und Grenzen auch angemessen Sanktionen geknüpft sind. "Sehr wirkungsvoll bei einem Teenager ist ein Tag Ausgehverbot am Wochenende", so Tillmann. "Von längerem Hausarrest halte ich dagegen nicht viel". Die Strafe sollte überschaubar sein.

Viele Eltern scheuen sich jedoch vor den Sanktionen, drohen zwar, lassen dann aber auf halbem Weg nach. Der Grund: Sie wollen nicht so streng sein, denn schließlich lieben sie ihr Kind. Sie wollen vielleicht auch nicht so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Oder sie denken gar, sie tun etwas Böses, wenn sie dem Kind Grenzen aufzeigen. "Das stimmt aber nicht", betont Tillmann. Den Kindern und der Familie ist mehr geholfen, wenn es klare Vereinbarungen gibt statt ein ständiges Hin und Her. "Eine Mutter ist eine Mutter und muss keine Freundin sein!", betont Tillmann. Die Eltern müssen klipp und klar, mit Nachdruck und mit Ernsthaftigkeit vermitteln: "So geht's nicht!", wenn Grenzen überschritten werden.
Dazu ist der Austausch zwischen den Ehepartnern dringend nötig, beide sollten unbedingt an einem Strang ziehen.

Neben klaren Regeln und deutlichen Ansagen sind auch gemeinsame Rituale in der schwierigen Phase der Pubertät sehr wichtig. "Gemeinsamkeiten im Familienleben, die alle schätzen, sollten unbedingt gepflegt werden, auch wenn es nur das gemeinsame Mittagessen am Sonntag ist", sagt Tillmann. "Über allem steht Gesprächsbereitschaft, Liebe, Mut zur Selbstreflexion, das Vertrauen in die Kinder und in die eigene Erziehung."
Doch schließlich müssen die Eltern vor allem wissen: Es gibt keinen vorgegebenen Weg. Bei der Erziehung bleibt alles ein Stück weit Versuch und Fehlschlag.

Lesen Sie auch: Experteninterview: Grenzen setzen, aber richtig