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Interview mit Diplom-Psychologin Herta Wiprich, Elternberaterin im Caritas-Beratungszentrum St. Nikolaus in Mainz und Mitglied der Arbeitsgruppe Elternkompetenz des Mainzer Bündnis für Familie
Feste Regeln kennen die meisten Familien - auch Rituale?
Ja, ich glaube alle Familien leben mit Ritualen. Es sind immer wiederkehrende Handlungen, feste Bestandteile unseres Lebens. Sie haben, ganz anders als Regeln, einen hohen symbolischen Gehalt. Es sind häufig freudige Ereignisse, sie helfen aber auch bei Krisen. Rituale kennen wir zum Beispiel bei Hochzeit und Taufe oder Einschulung und Kommunion. Von der Geburt bis zur Beerdigung begleiten uns Rituale und zeigen Veränderungen im Leben. Diese Lebensrituale werden auch von Generation zu Generation immer wieder angepasst und weitergegeben. Jahresrituale sind unsere Bräuche an Geburtstag, Ostern, Weihnachten, im Advent. Aber auch im Alltag leben wir mehr oder weniger bewusst mehrere Rituale.
Was sind denn Alltagsrituale?
Das morgendliche Wecken der Kinder ist so ein Ritual, auch die gemeinsame Mahlzeit oder der Kuss, wenn wir uns verabschieden. Das abendliche Vorlesen gehört dazu, genauso wie ein gemeinsamer Spieleabend. In vielen Familien toben sonntagmorgens die jüngeren Kinder im Bett der Eltern, dann bereiten vielleicht alle gemeinsam das Frühstück vor. Das sind Beispiele für Alltagsrituale, liebgewordene Gewohnheiten, mit denen wir unser Leben strukturieren. Das tun wir manchmal ganz unbewusst.
Wieso sind diese Rituale wichtig?
Rituale regeln den Ablauf des Jahres, aber auch den eines normalen Tages. Gerade Kinder mögen das, bereits ab dem Säuglingsalter. Sie genießen es, wenn etwas für sie planbar und berechenbar ist. Das gibt ihnen Geborgenheit, Sicherheit und Halt und das ist wichtig, um Kindern und Erwachsenen Orientierung und ein Wir-Gefühl zu vermitteln. Familien entwickeln und leben eine gemeinsame Kultur miteinander. Die Kinder wissen, jeden Morgen weckt mich Mama mit einem Kakao, jeden Abend kommt die Gute-Nacht-Geschichte. Darauf stellen sie sich ein. Und auch den Eltern können feste Abläufe dabei helfen, im chaotischen Alltag den Überblick nicht zu verlieren.
Mögen das denn auch noch größere Kinder?
Kinder mögen Rituale und damit gleiche Abläufe, das strukturiert den Tagesverlauf, macht ihn einschätzbar und damit verlässlicher. In der Pubertät werden bisher geliebte Rituale abgelehnt oder bewusst eingefordert. Auch in diesem Alter sind Rituale noch wichtig, sie haben sich nur verändert. Auch wenn keine Gute-Nacht-Geschichte mehr vorgelesen wird, das Ritual, sich eine Gute Nacht zu wünschen, bleibt. Zwischen den heranwachsenden Kindern und ihren Eltern dienen solche Rituale der Beziehungspflege. Vorstellbar ist da zum Beispiel die Gewohnheit, einmal in der Woche einen Abend gemeinsam zu verbringen, bei dem keine Probleme besprochen werden, sondern Dinge getan werden, die allen Freude machen. Zu einem guten Familienleben gehört mehr als die Diskussion darüber, dass das Kinderzimmer aufgeräumt werden müsste.
Viele schaffen es kaum, gemeinsam zu essen, weil alle zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen - wie sollen Familien denn da Rituale einführen?
Gerade weil heute alles so hektisch und schnelllebig ist, sind Rituale noch wichtiger geworden. Sie schaffen Gemeinsamkeit in der Familie, sie sind für alle, Eltern wie Kinder, Oasen des Miteinanders und machen Zusammengehörigkeit fühlbar. Rituale müssen natürlich zu den Familien passen und zu ihren Lebensbedingungen. Wenn die Eltern Schicht arbeiten, ist ein gemeinsames Abendessen nicht machbar - aber vielleicht schafft man es, jeden Sonntag ausgiebig miteinander zu frühstücken. Jede Familie sollte solche Rituale haben. Ich empfehle drei bis vier Rituale, die kontinuierlich gelebt werden können.
Was sollte man tun, wenn die Kinder nicht mitziehen?
Rituale, auf die sich alle einlassen, brauchen eine gewisse Freiwilligkeit und Flexibilität. Alle müssen diese Rituale auch mögen, nur dadurch können sie gelebt und gepflegt werden. Es ist nicht sinnvoll, Rituale in einer Familie durchsetzen zu wollen. Familien sollten sich fragen: Was machen wir eigentlich immer wieder? Was könnten wir neu entwickeln und was verändern? Was gefällt uns allen? Da muss man gemeinsam etwas ausprobieren. Rituale sind auch kleine symbolische Aktionen. Es geht nicht darum, das Familienleben in feste Strukturen zu pressen. Rituale sollen dazu beitragen, dass sich alle wohlfühlen. Sie sind ein Familienrahmen. Wenn er nicht mehr passt, muss man ihn anpassen.