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„Wir freuten uns jedes Jahr darauf: An Heiligabend waren wir Kinder nachmittags bei der Oma im Haus nebenan. Da hockten wir vor dem Fernseher und schauten uns ‘Wir warten aufs Christkind’ an. Dazu gab es Plätzchen und Kakao. Jedes Jahr war das so. Jahrelang. Dann kam unsere Mutter, um uns zum Fest zu holen. Wir wuschen uns, kämmten uns die Haare, zogen uns fein an. Dann gab es das Weihnachtsessen. Die Oma war da und eine alte Tante. Es gab Gans für die Erwachsenen, Wiener Würstchen für die Kinder. Und nach dem Essen klingelte dann das Glöckchen. Ein kleines, goldenes Glöckchen.“ Maren, die das erzählt, hat sich längst selbst so ein kleines Glöckchen besorgt. Und jedes Jahr an Heiligabend ruft sie damit ihre Familie zur Bescherung. Sie liebt dieses Ritual.
Es sind nicht nur die großen Rituale zu den Festen und Feiertagen, die das Leben der Menschen bereichern. Da sind auch die vielen kleinen Alltagsrituale, die wir alle haben: Ob das der Guten-Morgen-Kuss ist oder die Gute-Nacht-Geschichte, das Abendessen um Punkt sieben oder der Marktbesuch der ganzen Familie am Samstagmorgen - diese immer wiederkehrenden Handlungen machen ein Ritual aus. „Rituale helfen den Menschen, ihren Alltag zu strukturieren.“ sagt die Mainzer Psychologin und Familienberaterin Herta Wiprich. Gerade für Kinder seien solche Rituale wichtig. „Kinder genießen es, wenn etwas für sie planbar und berechenbar ist.“
Was immer wiederkehrt, schafft Vertrautheit und Geborgensein. Der allmorgendliche Ablauf im Badezimmer, die offizielle Erlaubnis für den Nachwuchs, den restlichen Kuchenteig aus der Schüssel zu naschen – auch das sind liebevolle Gewohnheiten, die wir vermissen würden - Rituale. Die wohltuende Wirkung solcher Rituale ist unbestritten: Rituale schaffen Ordnung und Orientierung, sie geben Halt und reduzieren dadurch Ängste, sie schaffen Gemeinsamkeiten in der Familie und stärken den Zusammenhalt. Auch wenn es im hektischen Alltag manchmal schwierig ist, feste Rituale zu integrieren, Herta Wiprich vom Caritas-Beratungszentrum ist überzeugt: „Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist es wichtiger denn je, Rituale zu pflegen.“
Als Mitglied der AG Elternkompetenz des Mainzer Bündnisses für Familie rät Frau Wiprich interessierten Eltern, sich ganz bewusst Rituale zu schaffen - das müssen gar nicht so viele sein. „Drei bis vier Rituale, die man kontinuierlich lebt, wirken wohltuend auf die ganze Familie“, weiß die Psychologin. Man solle aber darauf achten, dass diese Rituale zur Familie passen und auch zu deren Lebensbedingungen. Wenn unter der Woche keine Zeit für gemeinsame Familienmahlzeiten geschaffen werden kann, könne überlegt werden, was am Wochenende möglich sei. Es komme nur darauf an, feste Punkte für die Familie zu schaffen. Gerade in Zeiten der Veränderung oder in Krisen kann man von solchen Fixpunkten profitieren. Wer sich ganz sicher sein kann, „egal was passiert - um fünf Uhr trinke ich Tee“, der kann manchen Ärger viel besser verkraften.
Wichtig ist, dass die Rituale allen in der Familie Spaß machen. „Es bringt gar nichts, Rituale mit Druck durchzusetzen“, warnt Herta Wiprich vor übergroßem Eifer. Rituale müssen flexibel gehandhabt werden. Sie verändern sich, zum Beispiel, wenn Kinder älter werden. Bei heranwachsenden Kindern haben Rituale noch einmal einen anderen Stellenwert: Sie dienen der Beziehungspflege. Gerade in der Pubertät ist das wichtig, wenn das Zusammenleben mit den Teenies schwieriger wird.
„Vorstellbar ist zum Beispiel, dass es mindestens einmal in der Woche einen gemeinsamen Abend gibt, an dem nicht über Probleme gesprochen werden darf“, schlägt Herta Wiprich vor. So hat die Familie eine Chance, sich vorübergehend von Erziehungsaufgaben zu lösen und sich einfach miteinander wohl zu fühlen. Dabei sollten Familien einfach ausprobieren, was zu ihnen passt und sich, wenn es ansteht, auch von Ritualen lösen, die allen lästig geworden sind. „Rituale sind ein Familienrahmen, wenn er nicht mehr passt, muss man ihn anpassen und kann so den kreativen und entspannten Umgang mit ihnen genießen.“
Literatur:
Langlotz, Christel / Bingel, Bela. Kinder lieben Rituale: Kinder im Alltag mit Ritualen unterstützen und begleiten. Ökotopia; Auflage: 2., Aufl. (März 2008), Euro 16,90
Pfrang, Claudia. Das große Buch der Rituale: Den Tag gestalten - Das Jahr erleben - Feste feiern. Ein Familienbuch. Kösel 2007. Euro 21,95
Salamander, Catharina / Kunze, Petra. Die schönsten Rituale für Kinder. GU Ratgeber Kinder. Graefe und Unzer Verlag. Euro 12,99
Links:
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Erziehungsbereiche/s_1945.html
http://kidnet.de/magazin-brauchenwirnochrituale-545-8298-1.html
http://kidnet.de/magazin-ritualemachenkinderstark-543-8098-1.html