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Mein Kind schreit. Was soll ich bloß tun?

„Gleich geht es wieder los“, angespannt warten Laura und Patrick M. auf die nächste Schreiattacke ihres drei Monate alten Säuglings. Frederik ist körperlich wohlauf und gut genährt – aber er brüllt oft stundenlang wie am Spieß. Verzweifelt versuchen seine Eltern abwechselnd ihr Kind zu beruhigen, tragen es durch die Wohnung, singen ihm Lieder vor, wippen auf dem Sitzball herum ...

Alle Babys weinen und schreien. Das ist ihre Sprache, mit der sie auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen – ob sie Hunger haben, müde sind, sich unwohl fühlen oder körperliche Nähe wünschen. Viele Babys sind vor allem in den Abendstunden zwischen 17 und 23 Uhr unruhig. Eltern entwickeln schnell ein Gespür dafür, warum ihr Kind weint, und reagieren intuitiv richtig: Sie nehmen es auf den Arm und reden tröstend mit ihm. Die meisten Babys beruhigen sich bald wieder. Die sogenannten „Schreibabys“ aber sind anders. Sie schreien oft mehrere Stunden am Stück und das über Wochen - auch wenn sie eigentlich satt und zufrieden sein müssten und sie lassen sich nur schwer oder scheinbar gar nicht beruhigen.

Es gibt verschiedene Gründe, warum manche Kinder so exzessiv schreien. Wobei sich die einzelnen Faktoren oft gegenseitig beeinflussen:

  • Körperliche Auslöser: Erkrankungen oder Entwicklungssprünge beim Kind oder Probleme der Mutter während der Schwangerschaft oder Geburt (Kaiserschnitt, Frühgeburt).
  • Seelische Auslöser: familiäre oder Paarprobleme mit den daraus erwachsenden Spannungen, die sich auf das Kind übertragen können, einschneidende Lebensveränderungen der Eltern oder postnatale Depression bei den Müttern.
  • Persönlichkeit des Kindes: Manche Babys schaffen es nicht, sich selbst zu regulieren, sich beispielsweise durch Nuckeln am Fäustchen zu beruhigen oder den Blick abzuwenden, wenn sie überreizt sind. Dadurch können sie schlechter einschlafen und wachen auch leichter wieder auf. Viele Schreibabys leiden deshalb permanent unter Schlafmangel.

Leider gibt es kein Patentrezept zur Beruhigung. Was am besten zu Ihnen und Ihrem Baby passt, können Sie nur selbst herausfinden. Wichtig ist, sich auf wenige Maßnahmen zu beschränken und diese beizubehalten, um das Baby an eine bestimmte "Routine" zu gewöhnen. Beruhigungsmethoden können sein:

  • Nuckeln lassen, zum Beispiel am Daumen oder Schnuller, das hilft Babys, sich sicher und geborgen zu fühlen.
  • Enger Körperkontakt, versichert dem Säugling, dass seine Bezugsperson da ist. Viele Babys reagieren auch positiv darauf, wenn man sie beim Tragen leicht schaukelt.
  • Beruhigende Geräusche wie die Spieluhr und ein Schlaflied können helfen.

Ein schreiendes Kind sollte mit möglichst wenig Eindrücken konfrontiert werden – denn meist ist es ohnehin schön überreizt. Stundenlang auf einem Sitzball hüpfen, ständig neues Spielzeug anbieten oder beim Herumtragen Fernsehen schauen, lenkt Babys zwar manchmal kurzfristig ab, verstärkt aber langfristig eher ihre Unruhe. Deshalb sollten Eltern auch nicht panikartig eine Beruhigungsmethode nach der anderen ausprobieren, wenn das Kind wieder anfängt zu schreien. Grundsätzlich gilt aber: Es muss für die Eltern machbar sein. Ist das Schreien für Mutter oder Vater leichter auszuhalten, wenn sie dabei Fernsehen können, dann ist das vielleicht nicht ideal, aber in Ordnung. Denn entspannte Eltern können ihrem Kind sicherlich besser helfen.

Wenn sämtliche Beruhigungsmethoden versagen, fühlen sich Eltern von Schreikindern oft hilflos, enttäuscht und verzweifelt – und sie sind manchmal wütend auf ihr Kind und sich selbst, weil ihre Wunschvorstellungen von Elternschaft sicherlich anders aussahen. Hinzu kommt, dass Schreikinder oft noch mehr Zeit für sich beanspruchen als Säuglinge ohnehin – Zeit, die den Eltern für sich selbst fehlt. Eltern von Schreibabys ziehen sich auch oft aus sozialen Kontakten zurück, weil sie andere nicht mit der Schreierei belasten wollen.

Schlafentzug und Dauerstress mit einem Schreibaby können Eltern an ihre Grenzen bringen. Auch Laura und Patrick M. waren mit ihren Nerven oft am Ende und hätten ihr Kind manchmal am liebsten angebrüllt und geschüttelt. Schreibabys können tatsächlich Opfer von falschen Handlungen werden. Denn der Impuls das brüllende Wesen durchzuschütteln, kann überwältigend sein. Für Babys ist das lebensgefährlich, denn das Gehirn ist sehr zart und verletzlich und schlägt beim Schütteln ungeschützt hin und her. Dadurch können Blutgefäße im Gehirn einreißen und bleibende Schäden verursachen, beispielsweise Seh- und Sprachstörungen, geistige Behinderungen, Verhaltensstörungen - bis hin zum Tod!

Wenn Sie während stundenlanger Schreiattacken das Gefühl haben, es geht gar nicht mehr, sollten Sie ihr Baby unbedingt ablegen, den Raum kurz verlassen und die Tür schließen, so dass Sie einen Moment lang etwas Ruhe zum Durchatmen haben und sich danach wieder um Ihr Kind kümmern können. Nutzen Sie die Momente, in denen Ihr Baby wach und zufrieden ist – denn auch Schreikinder schreien nicht ununterbrochen - , um mit ihm in Kontakt zu treten und seine andere Seite kennen zu lernen. Wenn Ihr Baby Sie anlächelt, kann das vielleicht über die nächste schwierige Situation hinweghelfen. Und auch mit einem Schreikind können Eltern eigene Interessen wahren – und sollten das auch unbedingt tun. Engagieren Sie einen Babysitter oder bitten Sie Freunde um ein paar Stunden Unterstützung. Eine „babyfreie“ Auszeit vom Alltag entspannt und wirkt sich positiv auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kind aus.

In jedem Fall sollten sich Eltern von Schreikindern frühzeitig, bevor sie mit ihren Kräfte am Ende sind, professionelle Hilfe suchen. Die erste „Sprechstunde für Schreibabys“ in Deutschland wurde 1991 am Kinderzentrum in München von Mechthild Papousek nach jahrelanger Forschungsarbeit über Säuglinge gegründet. Inzwischen gibt es in fast jeder größeren Stadt Beratungsstellen für betroffene Eltern. Diese sind entweder als Schreiambulanzen an Krankenhäuser angegliedert oder Teil der Erziehungsberatungsstellen. Manchmal ist es auch möglich, dass Mitarbeiter zu einem ersten Gespräch nach Hause kommen. Je früher sich Eltern Hilfe holen, desto besser kann ihnen und ihrem Baby geholfen werden.

Buchtipps

Renate Barth: Was mein Schreibaby mir sagen will, Beltz Verlag 2008, ISBN: 3-407-85853-1, 14,90 Euro. 

Mauri Fries: Unser Baby schreit Tag und Nacht – Hilfen für erschöpfte Eltern, Reinhardt 2006, ISBN 3-497-01849-X, 9,90 Euro 

Wilhelm und Zora Gienger: Mein Baby schreit - was tun?, ISBN: 3-332-01623-7, 12,95 Euro. 

Mechthild Papousek, Michael Schieche, Harald Wurmser: Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Gräfe & Unze 2004, ISBN: 3-456-84036-5, 39,95 Euro

Christine Rankl: So beruhige ich mein Baby. Tipps aus der Schreiambulanz. Walter-Verlag 2007, ISBN: 3-491-40120-8 ,14,90 Euro 

Andreas Wiefel: Schreibabys, Droemer/Knauer 2005, ISBN: 3-426-66941-2, 12,90 Euro

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