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Wer Gefühle zeigt, kann stark sein

Gefühle zulassen, den Schmerz aushalten - auch Kinder haben das Recht zu trauern

Clara war zehn, als ihre Mutter starb. Die war an Krebs erkrankt, das hatten sie Clara aber nicht gesagt. Kurz bevor es zu Ende ging, schickten sie Clara zu einer Tante in die Ferien. Als das Mädchen Wochen später zurückkam, war alles vorbei. Die Mutter tot, beerdigt. Für Clara brach die Welt zusammen. Das ist mehr als dreißig Jahre her, und Clara ist längst eine erwachsene Frau. Aber sie kann das nicht vergessen. Immer noch leidet sie darunter, dass sie sich von ihrer Mutter nicht verabschieden konnte.

Solche Geschichten sind nicht selten, viele Menschen berichten, dass sie in ihrer Kindheit einen Verlust erlebt haben und dabei alleine gelassen wurden. „Erwachsene versuchen, die Kinder vor dem Tod zu schützen“, bestätigt auch Uta Leroudier. Die Diplom-Pädagogin, sie arbeitet beim Verein Ökumenische Hospizarbeit Rhein-Selz e.V. in Oppenheim, erlebt es immer wieder, dass Kinder beim Thema Tod ausgegrenzt werden. Die Erwachsenen haben Angst, die Kinder zu überfordern: „Viele denken: Die sind noch viel zu klein, um das zu verstehen.“ Doch davor warnt Uta Leroudier. Sie sagt: „Man schadet Kindern, wenn man versucht, sie von diesem Thema fernzuhalten.“ Auch wenn sich Eltern bemühen, ihre Gefühle nicht zu zeigen, spüren Kinder die Trauer der Erwachsenen und wollen sie verstehen. Wenn ihre Bezugspersonen dann unnahbar sind und Fragen nicht oder nur teilweise beantworten, reagieren Kinder verunsichert. Sie bekommen Angst und ihre Gefühle des Verlustes werden verstärkt. Eine weitere Gefahr ist, dass die Kinder dann meinen, sie seien an all dem schuld. Denn Kinder glauben noch, dass ihre Gedanken ein bestimmtes Ereignis hervorrufen oder verhindern können. Psychologen nennen das Magisches Denken. Gerade im Vorschulalter haben viele Kinder solche Gedanken, sie glauben, dass sie den Tod durch eigene Kraft rückgängig machen können, sie geben sich aber auch die Schuld daran. Deshalb ist es wichtig, auf Kinder einzugehen und sie am Trauerprozess zu beteiligen.

„Kinder haben das Recht, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.“ Das steht auch in der Charta für trauernde Kinder. Die enthält Empfehlungen, wie man mit Kindern umgehen soll, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben. Verfasst wurde sie von Mitarbeiterinnen von Winston‘s Wish, einem  Trauerhilfeprogramm für Kinder in England. „Den Kindern muss deutlich erklärt werden, was passiert ist“, erläutert Uta Leroudier diese Empfehlungen. „Dabei ist es natürlich wichtig, das Alter des Kindes zu berücksichtigen. Größeren Kindern kann man schon recht genau Auskunft geben. Bei kleinen Kindern sollten die Erklärungen einfach ausfallen. Und eines sollte ganz vermieden werden: Schlaf und Tod miteinander zu verknüpfen."

Die Unsicherheit bei Eltern ist oft groß. Können oder sollen die Kinder mit zur Beerdigung gehen oder sollen sie besser zuhause bleiben? Das sind Fragen, die Uta Leroudier immer wieder gestellt werden. Sie sagt: „Kinder sollen selbst entscheiden dürfen, ob sie dabei sein wollen.“ Jedoch sollte dem Kind ermöglicht werden, jederzeit zu gehen. „Wenn es Kindern reicht, wechseln sie das Thema. Sie drehen sich um und wollen spielen. Das ist ein Schutzmechanismus von Kindern.“ 

Was für Erwachsene gilt, das gilt auch für Kinder: Das Gefühl der Trauer muss ausgehalten werden (dürfen), ausweichen bringt hier langfristig nichts. Deshalb ist es auch verkehrt, Kinder ablenken zu wollen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Im Gegenteil: „Es ist wichtig, die Erinnerungen an den Toten wachzuhalten.“ Da gibt es viele Möglichkeiten, aber immer geht es darum, den Verstorbenen zu ehren, wie zum Beispiel mit der „Erinnerungs-Kiste“. Sie enthält Dinge, die an den geliebten Menschen erinnern und ein Trauern ermöglichen. Die Brille zum Beispiel, eine Blume, Fotos, ein Kleidungsstück, das noch den persönlichen Duft trägt. Kinder wollen an diesen Trauerritualen aktiv beteiligt werden. Auf keinen Fall sollten Familien versuchen, Gespräche über den Verstorbenen zu vermeiden. Kinder (und Erwachsene) wollen und müssen sich erinnern, sie haben Angst zu vergessen. Sie freuen sich, wenn sie Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen hören, es tut ihnen gut, Fotos anzuschauen und auch mal gemeinsam zu weinen.

„Zu trauern, das kann auch wunderbar sein“, sagt Uta Leroudier. Sie will Familien ermutigen, sich auf diesen Weg zu machen und sich dabei Hilfe zu holen: „Überall gibt es Gruppen, in denen sich Trauernde treffen und sich gegenseitig unterstützen. Denn für jeden Menschen gilt, dass es gut tut zu erfahren „Ich bin nicht der einzige, der gerade um einen Menschen weint.“ Und es ist sehr viel einfacher, sich diesem Thema gemeinsam zu stellen.

Links:

Bücher für Erwachsene:

  • Brocher, Tobias. Wenn Kinder trauern. Rowohlt Verlag, Reinbek
  • Ennulat, Gertrud. Kinder in ihrer Trauer begleiten. Ein Leitfaden für Erzieherinnen. Herder Verlag, Freiburg
  • Everding, Willi. Wie ist es tot zu sein? Tod und Trauer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern. Herder Verlag, Freiburg
  • Finger, Gertrud. Mit Kindern trauern. Kreuz Verlag, Stuttgart
  • Franz, Margit. Tabuthema Trauerarbeit. Erzieherinnen begleiten Kinder bei Abschied, Verlust und Tod. Don Bosco Verlag, München
  • Kroen, William. Da sein, wenn Kinder trauern. Hilfen und Ratschläge für Eltern und Erziehende. Herder Verlag, Stuttgart
  • Kübler-Ross, Elisabeth. Kinder und Tod. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
  • Tausch-Flammer, Daniela und Bickel, Lis. Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erzieher. Herder Verlag, Freiburg


Bücher für Kinder:

  • Bourguignon, Laurence und D’Heur, Valerie. Der alte Elefant. Brunnen Verlag, Gießen (ab Kindergartenalter)
  • Davids, Barbara und Münzer, Gabriele. Eines Morgens war alles ganz anders. Lambertus Verlag, Freiburg (ab Vorschulalter)
  • Eckardt, Jo. Wohnst du jetzt im Himmel? Ein Abschieds- und Erinnerungsbuch für trauernde Kinder. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
  • Fried, Amelie und Gleich, Jacky. Hat Opa einen Anzug an? Carl Hanser Verlag, München (ab Kindergartenalter)
  • Hüsch, Mechthild und Hüsch, Heinrich. Da spricht man nicht drüber. Wie Jakob den Suizid seines Vaters erlebt.
  • Kaldhol, Marit und Oeyen, Wenche. Abschied von Rune. Ellermann Verlag, München (ab Vorschulalter)
  • Keyserlingk von, Linde. Da war es auf einmal so still. Von Tod und Abschiednehmen. Herder Verlag, Stuttgart
  • Lindgren, Astrid. Die Brüder Löwenherz. Oetinger Verlag, Hamburg
  • Löffel, Heike und Manske, Christa. Ein Dino zeigt Gefühle. Fühlen. Empfinden. Wahrnehmen. Mebes & Noack Verlag, Köln
  • Nilsson, Ulf und Eriksson, Eva. Die besten Beerdigungen der Welt. Moritz Verlag, Frankfurt am Main  (ab Kindergartenalter)
  • Nilsson, Ulf und Tidholm, Anna-Clara. Adieu, Herr Muffin. Moritz Verlag, Frankfurt am Main (ab Vorschulalter)
  • Ringtved, Glenn; Pardi, Charlotte und Lassig, Jürgen. Warum, lieber Tod …? Rößler Verlag, Bremen (ab Vorschulalter)
  • Rosen, Michael und Blake, Quentin. Mein trauriges Buch. Freies Geistesleben, Stuttgart (ab Vorschulalter)
  • Schössow, Peter. Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis. Carl Hanser Verlag, München (ab Grundschulalter)
  • Stalfeldt, Pernilla. Und was kommt dann? Ein Kinderbuch vom Tod. Moritz Verlag, Frankfurt am Main (ab Vorschulalter)
  • Trabert, Gerhard. Als der Mond vor die Sonne trat. Editions Mathieu, Heidelberg (Eine Ermutigung für krebserkrankte Eltern, mit ihren Kindern über die Krankheit zu sprechen)
  • Taravant, Jacques und Sís, Peter. Der kleine Junge mit den Flügeln. Sonderausgabe für die Freunde der Deutschen Krebsgesellschaft
  • Treiber, Julia und Blazejovsky, Maria. Die Blumen der Engel. Annette Betz Verlag, München
  • Varley, Susan. Leb wohl, lieber Dachs. Annette Betz Verlag, München

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