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Interview: Trauer in der Familie

Interview mit der Diplom-Pädagogin Uta Leroudier. Sie ist Trauerbegleiterin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Ökumenische Hospizarbeit Rhein-Selz e.V. in Oppenheim.

Ein geliebter Mensch ist gestorben: Wie können Eltern das einem Kind am besten erklären?

Am wichtigsten ist es, ehrlich zu sein und offen seine Gefühle zu zeigen. Man braucht ein Kind nicht „irgendwie“ davor schützen. Das versuchen Erwachsene aber oft. Sie sind selbst überfordert mit der Situation und denken: Wie soll ein Kind das denn schaffen, wenn wir das schon nicht können? Doch die Kinder spüren die Hilflosigkeit und den Schmerz ihrer Eltern, sie lassen sich nichts vormachen. Erwachsene dürfen den Kindern beim Thema Tod nicht ausweichen. Sie müssen die Fragen der Kinder beantworten, denn die haben ein Recht darauf, das Phänomen Tod zu verstehen.

Können Kinder das denn verstehen?

Einem Kleinkind muss ich einen Todesfall natürlich anders erklären als einem Teenager. Aber auch einem kleinen Kind kann man sagen: Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Das reicht Kindern. Ich muss nicht erklären, was bei einem Hirnschlag passiert. Kinder wollen nur wissen, was sie verstehen können. Deshalb ist es ganz wichtig, genau hinzuhören, und nur auf diejenigen Fragen zu antworten, die die Kinder stellen. Diese Fragen aber müssen beantwortet werden. Das benennt auch die Charta für trauernde Kinder, die von englischen Trauerexperten aufgestellt wurde. Sonst besteht die Gefahr, dass bei den Kindern Schuldgefühle entstehen und dass sie zum Beispiel denken „Wäre ich netter zu Oma gewesen, dann wäre sie nicht gestorben“. So sind Kinder, sie denken, sie hätten auf alles Einfluss.

Ist es nicht viel schöner zu sagen, der Opa ist eingeschlafen?

Ich erlebe es immer wieder, dass sich Erwachsene da an ihre eigenen Kinderbilder klammern. Opa ist eingeschlafen, die Oma sitzt auf einer Wolke oder ist ein Stern am Himmel. Wir greifen auf diese Dinge zurück, weil wir hilflos sind und dem Kind gerne ein schönes Bild geben wollen. Aber die Kinder fragen weiter: „Da ist keine Wolke mehr am Himmel, wo ist die Oma jetzt?“ Hier kommen Eltern oft in Erklärungsnot. Und Einschlafen mit Sterben zu verknüpfen, das ist für ein Kind eine ganz schwierige Sache und ängstigt es sehr. Besser ist es, dieses Bild ganz zu vermeiden, zumal es auch gar nicht stimmt. Einschlafen ist nicht der Grund des Sterbens.

Aber man kann Kindern doch nicht sagen „Der Opa liegt da unter der Erde“ ...?

Doch. Kinder haben schon im Kindergartenalter ein großes Interesse am Tod. Sie fragen sich „was passiert denn da genau?“ Die gehen an keiner toten Maus vorbei, sondern bleiben stehen, fassen den toten Körper an, sagen „Oh, das ist tot! Das bewegt sich nicht mehr.“ Kinder schauen sich das an, die haben da keine Angst. Die Angst liegt hier oft eher bei den Erwachsenen. Wir sagen nicht  „Ja, das ist jetzt der Rest von der Maus“, sondern sagen oft „Igitt! Fass das bloß nicht an!“ und gehen schnell weiter aus Angst, die Würmer im Körper zu sehen. Besser wäre es einfach darüber zu sprechen, was da passiert. Kinder finden das spannend. Es gibt so viele Gelegenheiten, mit Kindern über den Tod zu sprechen, wir aber versuchen oft, das Thema aus unserem Leben auszuklammern. Dabei können Kinder, die den Tod nicht als Tabu erleben, den Verlust eines geliebten Menschen oft besser verkraften und auch für uns kann die Bewältigung des Schmerzes dadurch ein bisschen leichter werden.

Sie würden Kinder also auch mit auf eine Beerdigung nehmen?

Wenn wir uns nicht verabschieden können, erschwert das unsere Trauer. Deshalb sind Beerdigungen wichtig, denn sie sind Rituale des Abschieds. Wir sollten das Kind aber entscheiden lassen, ob es mitkommen will. Man darf ein Kind nicht auf eine Beerdigung zwingen, und es muss jederzeit die Möglichkeit haben zu gehen. Am besten ist es, jemanden der nicht trauert, mitzunehmen; zum Beispiel die Erzieherin aus dem Kindergarten oder einen guten Freund der Familie. Man kann die Begleitperson bitten, während der Beerdigung für das Kind da zu sein. Das Kind findet die Rede - egal wie kurz oder schön sie sein mag - eventuell zu lang, will vielleicht lieber auf den Spielplatz. Das muss und darf man zulassen. Denn wenn es Kindern reicht, wechseln sie einfach das Thema. Im einen Moment sind sie total unglücklich und weinen, im nächsten Moment drehen sie sich um und gehen spielen. Das ist ein Schutzmechanismus von Kindern.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Eltern sollten ihre Gefühle zeigen und ihre Trauer in gesunder Weise leben statt sie hinter verschlossenen Türen zu verstecken. Kinder wollen wissen, wie es ihren Eltern geht. Beim Trauern gilt: Es bringt nichts, sich ständig zusammenzureißen. Das wird weder Ihnen noch dem Kind gut tun. Es ist wichtig, ehrlich zu sagen „Jawohl, ich vermisse den Menschen und mir geht es gerade überhaupt nicht gut.“ Wenn wir den Schmerz zulassen, können wir daran wachsen. Das gilt auch für Kinder. Manche Eltern versuchen sogar, ihre Kinder mit Geschenken abzulenken, als könne eine neue Puppe über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegtrösten. Besser ist es, dem Kind einen guten Umgang mit Trauer vorzuleben. Dann kann ein Kind auch selbst damit umgehen.

Und das hilft nicht: Die Kinder auf andere Gedanken zu bringen?

Nein. Wir dürfen dem Schmerz nicht aus dem Weg gehen, wir dürfen nicht versuchen, den Toten zu vergessen. Im Gegenteil: Es ist wichtig, die Erinnerungen wachzuhalten. Zum Beispiel, indem man zusammen eine Erinnerungskiste baut. Da kann die Zigarre vom Opa hinein, die Brille oder etwas, das nach ihm riecht - ein Stück Stoff von seiner Jacke. Der Geruch wird nach einer Weile nachlassen. Das zu bemerken, das ist Trauer. Und es ist heilsam. Wie wollen wir Weihnachten feiern ohne den Vater? Was machen wir an seinem Geburtstag? All das sind Fragen, bei denen Kinder beteiligt werden sollten. Sie dürfen nicht ausgeschlossen werden. Wir wollen Familien ermutigen, sich auf diesen Weg zu machen.

Das ist viel, was da von Eltern verlangt wird.

Sie müssen das nicht alleine tun: Es gibt überall Gruppen, in denen sich Trauernde treffen. Kinder und Eltern können dort erfahren „Ich bin nicht der einzige Mensch, der trauert, es gibt andere, die fühlen genauso wie ich.“ Das hilft. Eltern sollten sich erlauben, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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