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Jonas (3 Jahre) greift beim Abendessen nach der Wasserflasche und möchte sich sein Glas selber auffüllen. Als seine Mutter ihm die Flasche aus der Hand nimmt, weil sie befürchtet, dass Jonas sie gleich fallen lässt oder das Wasser auf dem Tisch verschüttet, wird er fuchsteufelswild. Die dreijährige Steffi wirft sich im Supermarkt wütend auf den Boden, als ihr Vater ihr verbietet die schönen bunten Gurkengläser aus dem Regal ein- und auszuräumen und sie deshalb in den Einkaufswagen setzen will. Alle Eltern von Kleinkindern kennen diese Situationen.
Im zweiten Lebensjahr erwacht bei Kindern der eigene Wille. Sie möchten ihre Umwelt erforschen und eigene Wege gehen. "Ich", "Nein", "Alleine" sind jetzt seine Lieblingsworte. Auf der anderen Seite stößt es immer wieder an Grenzen - entweder an seine eigenen oder an die der Eltern. Dieser Zwiespalt zwischen Wollen und Können beziehungsweise Dürfen kann zu heftigen Gefühlsausbrüchen führen: den berühmten Trotzanfällen. „Trotz tritt dann auf, wenn die Bedürfnisse eines Kindes – beispielsweise ihr Wunsch nach Bewegung, Aktivität oder Selbstständigkeit - missachtet werden“, erklärt der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Alfred Kappauf.
Lassen Sie Ihrem Kind Zeit, Dinge auszuprobieren und alleine zu machen. Jonas Eltern könnten ihm beispielsweise erlauben, sich sein Glas selbst zu füllen, während sein Vater daneben steht und die Hand unter die Flasche hält, um sie notfalls aufzufangen. Das kostet zwar Geduld und mehr Zeit. Aber nur wer etwas erproben darf, kann seine Fähigkeiten verbessern, wird selbstbewusst und selbstständig. Je mehr Freiräume das Kind hat, desto besser kann es seinen eigenen Willen entwickeln und desto seltener sind Trotzanfälle. Das bedeutet nicht, dass Eltern ihrem Kind alles ermöglichen und erlauben sollten. Aber Regeln und Verbote sollten sinnvoll sein - und dann auch konsequent eingehalten werden. Das erleichtert Kindern die Orientierung. Machen Sie Ihrem Kind klar, warum diese Grenzen nötig sind. Und: Auch Eltern müssen sich an Abmachungen halten, sonst ist es für ein Kind wenig einsichtig, diese Regeln zu akzeptieren.
Nehmen Sie den Willen Ihres Kindes auf jeden Fall ernst – auch wenn er sich nicht verwirklichen lässt. Manchmal kann es auch einen Kompromiss geben: Steffis Vater könnte seiner Tochter im Supermarkt kleine Aufgaben zuteilen, beispielsweise Dinge, die nicht zerbrechen können, zum Einkaufswagen zu tragen oder die Waren auf das Kassenband zu legen.
Wenn es doch zu einem Trotzanfall kommt, sollten Eltern den Ausbruch nicht persönlich nehmen. Kinder sind in diesem Altern noch nicht Herr ihrer Gefühle. Der Wunsch, etwas Bestimmtes zu haben oder zu machen, und die Wut, seinen Willen nicht zu bekommen, sind so übermächtig, dass ein Kind manchmal nur hilflos brüllt oder um sich schlägt. „Ein Trotzanfall ist kein Angriff gegen die Eltern oder eine Provokation. Das Kind ist in diesem Moment in einem anderen Film und die Eltern müssen ihm dort wieder raushelfen“, betont Kappauf. Machen Sie sich als Eltern in einem solchen Moment bewusst, dass es gut und wichtig ist, einen eigenen Willen zu haben und diesen mutig zu vertreten. Dann fällt es leichter, dem Trotzanfall ruhig zu begegnen und dem Kind zu zeigen, dass man es trotzdem liebt – auch wenn man ihm nicht erlauben kann, das Regal im Supermarkt auszuräumen.
Manchmal ist ein Trotzanfall so heftig, dass sich Eltern kaum beherrschen können und sich mit der Situation überfordert fühlen. Dann kann es sinnvoll sein, das Kind in sein Zimmer zu schicken oder selbst den Raum zu verlassen und dem Kind zu sagen: „Wenn du dich beruhigt hast, kannst du wiederkommen!“. Oder Sie verlassen gemeinsam mit Ihrem Kind den Ort des Wutanfalls und ziehen sich beispielsweise in einen Waschraum zurück. Hier kann es sich beruhigen und Sie können ihm erklären, warum es seinen Willen nicht bekommen kann. Grundsätzlich sollten Eltern ihrem Kind während eines Trotzanfalls möglichst wenig Aufmerksamkeit schenken – weder negativ (Schimpfen und Strafen) noch positiv (Nachgeben und überschwängliches Bedauern). Sonst droht die Gefahr, dass Wutanfälle öfters auftreten, weil das Kind dann im Mittelpunkt steht.
Ab dem 4. Lebensjahr sind Kinder allmählich in der Lage, Dinge auch aus der Perspektive der anderen Person zu betrachten, so Kappauf: „Dann klingen die Probleme ab, die primär damit zu tun haben, dass das Kind bei der Ausweitung eigener Aktivitäten und Interessen manche Grenzsetzungen noch nicht verstehen kann.“ Aber nicht jeder Widerstand eines kleinen Kindes ist gleich ein Trotzanfall aufgrund dieser „entwicklungstypischen Verstehensgrenzen“, erklärt Kappauf. Bereits in der Kleinkindzeit ab etwa zwei Jahren beginnen Kinder auch ihre Kräfte und Grenzen zu testen: „Die Regeln sind schon verständlich, werden aber nicht akzeptiert und das Kind liefert sich mit den Eltern Machtkämpfe“, erläutert er. Bei diesen Konflikten gehe es darum, die Verbindlichkeit der Regeln zu vermitteln.
Literaturtipps für Eltern:
Sabine Bohlmann: Ein Löffelchen voll Zucker... und was bitter ist wird süß, Egmont Verlagsgesellschaft 2004, ISBN: 3-8025-1642-7, 144 Seiten, 14,90 Euro.
Rudolf Dreikurs/Loren Grey: Kinder lernen aus den Folgen. Wie man Schimpfen und Strafen sparen kann. Herder-Verlag 2008, ISBN: 3-4510-5902-9, 139 Seiten, 8,95 Euro.
Jan-Uwe Rogge: Wenn Kinder trotzen, Rowohlt Verlag 2006, ISBN: 3-4996-1659-9, 224 Seiten, 8,95 Euro.
Doris Heueck-Mauß: Das Trotzkopfalter - Der Ratgeber für Eltern von 2- bis 6jährigen Kindern, Humboldt Verlag 2008, ISBN: 3-8999-4187-X, 174 Seiten, 8,90 Euro.
Zum Vorlesen:
Manfred Mai: Mach ich aber nicht!, sagt der kleine Fuchs, Ravensburger Verlag 2006, ISBN: 3-473-32337-3, 32 Seiten, 11,95 Euro.
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