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Vater, Vater, Kind. Was ist eigentlich Familie?

Hintergrundbericht zum Thema

Hans-Joachim ist 68 Jahre alt, er ist Rentner. Erst vor zwei Jahren hat er geheiratet – den gleichaltrigen Sven, mit dem er schon seit mehr als dreißig Jahren zusammenlebt. „Wir haben uns verpartnert“, lacht er. So heißt das, wenn schwule und lesbische Paare den Bund für’s Leben schließen. Dass so etwas einmal möglich sein könnte, hat Hans-Joachim lange nicht für möglich gehalten. In den sechziger Jahren, als er noch ein junger Mann war, waren homosexuelle Handlungen unter Männern strafbar. Diese Regelung, Bestandteil des Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, galt bis 1969. „Ich hatte damals einen Freund, wir mussten uns heimlich treffen. Wir hatten richtig Angst vor der Polizei. Niemand wusste, dass ich schwul bin.“ Erst in den siebziger Jahren bekannte er sich zu seiner Homosexualität, erzählte es Freunden, sprach mit seinen Geschwistern darüber. Das gesellschaftliche Klima veränderte sich stetig. Im wiedervereinigten Deutschland fiel der Sonderparagraph 175 gänzlich, 2001 folgte das Gesetz für eingetragene Partnerschaften, das gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht, auch vor dem Gesetz eine eheähnliche Lebensgemeinschaft zu schließen. Es regelt im wesentlichen die Unterhaltspflicht und erbrechtliche Angelegenheiten. Und nun - Hans-Joachim kann das kaum fassen – haben schwule Paare sogar Kinder: „Papa werden – an so etwas habe ich nicht einmal im Traum denken können.“ Er freut sich über diese Entwicklung und über Regenbogenfamilien.

Immer mehr Kinder wachsen in homosexuellen Partnerschaften auf. Nach einer Studie des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg im Jahre 2009, die vom Bundesjustizministerium in Auftrag gegeben wurde, sind es bundesweit mindestens 6.600 Kinder, die in von zwei Müttern oder zwei Vätern erzogen werden. Es gibt auch Schätzungen, wonach in Deutschland sogar mehr als 12.000 Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen. Etwa 2.200 Kinder leben in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Auch wenn die meisten dieser Kinder noch aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen, der Anteil von Kindern aus künstlicher Befruchtung wächst. Lesbische Paare können sich dabei oft auf die Hilfe befreundeter Männer verlassen, für homosexuelle Männer ist es schwieriger. Die Forderung von schwulen und lesbischen Paaren, Kinder adoptieren zu dürfen, wird daher stärker. Seit 2005 gibt es für homosexuelle Lebenspartnerschaften die Möglichkeit der Stiefkind-Adoption. Das heißt: Gleichgeschlechtliche Partner können die leiblichen Kinder ihrer Lebensgefährten adoptieren.. Ansonsten sind Adoptionen nicht erlaubt.

Nach den Ergebnissen der Bamberger Studie spricht nichts dagegen, dass Kinder in Regenbogenfamilien aufwachsen: Homosexuelle Paare sind demnach keine schlechteren Eltern. Die Kinder entwickeln sich bei zwei Müttern oder zwei Vätern genauso wie in anderen Familienformen. Für Vermutungen, diese Kinder könnten unter der Situation leiden, vielleicht eher zu Depressionen neigen, finden sich keinerlei Anhaltspunkte. Auch in anderen Studien wird wie in der Bamberger Studie ein möglicher negativer Einfluss auf die Kinder verneint. Die Kinder machen keineswegs die Erfahrung, abgelehnt zu werden. Auch Befürchtungen, dass Mutter bzw. Vater als Identifikationsfigur fehlen, sind danach unbegründet.

Links:

http://www.ifb.bayern.de/forschung/regenbogen.html

http://www.ilse.lsvd.de/

www.lsvd.de

http://www.family.lsvd.de/beratungsfuehrer/index.php?id=35

Literatur:

Rupp, M. (Hrsg.) (2009). Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften.
Köln: Bundesanzeiger-Verl.-Gesellschaft

Stephanie Gerlach. Regenbogenfamilien: Ein Handbuch. Querverlag 2010. 17,90 Euro

Stephanie Gerlach / Uli Streib-Brzic. Und was sagen die Kinder dazu? Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern. Querverlag 2005. 14,90 Euro

Uli Streib-Brzic. Das lesbisch-schwule Babybuch: Ein Ratgeber zu Kinderwunsch und Elternschaft. Querverlag 2007. 14,90 Euro

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