Sie befinden sich auf den Internetseiten von VIVA FAMILIA - Servicestelle für Lokale Bündnisse in Rheinland-Pfalz.



Drucken

Seite durchsuchen zurück zu letzten Seite Seite ausdrucken

Inhalt

Interview: Vater, Vater, Kind. Was ist eigentlich Familie?

Interview mit Joachim Schulte, Sprecher von Queernet Rheinland-Pfalz, und Andrea Fuchs, Mitglied des Landesvorstands des Lesben- und Schwulenverbands Rheinland-Pfalz

Homosexuelle Paare mit Kindern - kommt das häufiger vor?

Wir beobachten seit einigen Jahren den Trend, dass immer mehr schwule und lesbische Paare eine Familie gründen. Wie viele Kinder in solchen Regenbogenfamilien leben, wissen wir nicht genau. Schätzungen gehen aber von rund 7.000 Kindern in ganz Deutschland aus, die mit zwei Müttern beziehungsweise mit zwei Vätern zusammenleben.

Wie konnten diese Paare Eltern werden?

Die meisten dieser Kinder stammen ausvorherigen heterosexuellen Beziehungen und wachsen nun in einer homosexuellen Bindung auf. Inzwischen ist es aber immer häufiger auch so, dass Paare, die sich verpartnern, sich  aktiv dafür entscheiden, ihren Kinderwunsch innerhalb der homosexuellen Partnerschaft zu erfüllen. Lesbische Paare haben es da vergleichsweise leicht. Sie suchen sich einen Samenspender, um ihren Kinderwunsch in die Tat umzusetzen. Vor fünf Jahren war es noch möglich, von einer deutschen Samenbank Spendersamen zu erhalten (je nach Bundesland wurde teilweise auch die Insemination vorgenommen), heute ist das nicht mehr möglich. Viele lesbische Paare suchen dann im Freundes- und Bekanntenkreis nach einem Spender. Mittlerweile hat die Bundesärztekammer Richtlinien erlassen, die es Ärzten verbietet, verpartnerten homosexuellen Paaren bei der Erreichung einer Schwangerschaft zu assistieren. Diese Einschränkungen gelten bei heterosexuellen Paaren nicht, selbst wenn das Paar unverheiratet ist. Für Schwule ist es wesentlich schwieriger, sich einen bestehenden Kinderwunsch zu erfüllen, denn Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. So bleibt für diese Paare oft nur die Annahme eines Pflegekindes oder die Adoption eines Kindes durch nur einen Partner. Was noch fehlt, ist eine Gleichstellung im Adoptionsrecht und das Recht, dass Kinder bereits zum Zeitpunkt der Geburt mit beiden Elternteilen in der Geburtsurkunde eingetragen werden - wie das beispielsweise in England und Wales seit 2009 praktiziert wird.Der Großteil der Regenbogenkinder wächst momentan noch in lesbischen Partnerschaften auf.

Existieren noch andere Hindernisse?

Viele berichten, dass es für sie wie ein zweites Coming Out war, Eltern zu werden. Sie hatten sich ihr Leben eingerichtet, waren als Schwuler oder als Lesbe akzeptiert. Jeder hatte seinen Weg gefunden, mit dem Thema umzugehen. Und plötzlich fängt alles wieder von vorne an: Denn wenn die Schwangere mit ihrer Freundin im Geburtsvorbereitungskurs auftaucht, dann wird eben doch sehr erstaunt geguckt. Und das geht  im Kindergarten weiter. Oft wird auch nur die eine Partnerin als Mutter angesehen, von der zweiten wird automatisch angenommen, dass es sich nur um eine Freundin oder Bekannte handelt. Es ist eben doch etwas ganz anderes, als lesbische Mutter oder als schwuler Vater akzeptiert zu werden. Es fehlen noch die Vorbilder. Das ist für alle eine neue Erfahrung.

Gibt es denn große Probleme - zum Beispiel im Kindergarten?

Es sind keine unlösbaren Probleme. Die Rückmeldungen, die wir da bekommen,

sind mehrheitlich positiv. Die Situation ist  gewöhnungsbedürftig für alle Beteiligten und das bedeutet für die Eltern: Sie müssen die Erzieher und Erzieherinnen darauf ansprechen, sie müssen sie sensibilisieren, zum Beispiel dafür, dass das Kind von Mama und Mutti spricht oder von Papa und Papi. Ja, und dass an dem Tag, an dem alle Papas kommen sollen, eben Mutti mitkommt oder umgekehrt.  Da kann nicht mehr nur von Mamas oder Papas geredet werden, da ist flexibles Denken und Handeln notwendig.

Wie reagieren die anderen Kinder darauf?

Die Kinder reagieren in der Regel positiv darauf, aber bei den Eltern ist das nicht immer einheitlich. Viele äußern ihre Vorbehalte auch nicht offen. Man merkt irgendwann, dass ein Kind, das in den Erzählungen des eigenen Kindes immer auftauchte, auf einmal seltener erwähnt wird. Wenn man dann nachfragt, bemerkt man, dass es sich vom eigenen Kind abgewendet hat, ohne dass man den Grund weiß. Uund auf Elternabenden kann man unter Umständen feststellen, dass es doch noch Vorbehalte gibt. In den meisten Fällen lässt sich das durch Gespräche lösen, aber dennoch ist das Eltern-sein  für Schwule und Lesben eben anders als für Heterosexuelle. Aber auch hier lässt sich eine Sensibilisierung für das Thema erreichen, man gewöhnt sich an die Regenbogenfamilien.

Ist es für die Kinder aus diesen Familien nicht schwierig, immer um Verständnis werben zu müssen?

Eine Studie der Universität Bamberg hat herausgefunden, dass Kinder aus Regenbogenfamilien früh lernen, dass ihre Situation eine besondere ist, dass sie anders ist als bei anderen Kindern. Dafür existiert sehr früh ein Bewusstsein. Und daraus entwickeln sich soziale Kompetenzen, Toleranz und das Verständnis für Andersartigkeit. Denn diese Kinder lernen früh zu kommunizieren, ihre Position klarzustellen, zu erklären: Bei mir läuft das eben anders. Für diese Kinder gilt auch: Herausforderungen bieten Chancen.

Frau Fuchs, brauchen Kinder nicht Mutter und Vater - schon wegen der Vorbildfunktion?

Der biologische Erzeuger eines Kindes ist ja nicht unbedingt aus der Welt - es gibt da ganz unterschiedliche Modelle, die in den einzelnen Familien sehr intensiv diskutiert werden. In lesbischen Verbindungen gibt es viele, die wollen, dass die männliche Figur auftaucht.Sie pflegen den Kontakt mit dem biologischen Vater. Kinder lesbischer Paare haben oft mehr Kontakt zu männlichen Bezugspersonen als z.B. Kinder allein erziehender Frauen, weil dieser Punkt in lesbischen Familien  bewusster gesehen und aktiv damit umgegangen wird. Die Frage nach den biologischen Eltern taucht meist spätestens in der Pubertät auf: Das Kind will wissen, wo es herkommt. Manche Paare wählen einen anderen Weg: Sie gehen zu einer Samenbank und erhalten eine anonyme Samenspende.. Für welchen Weg sich ein Paar entscheidet, ist zwar jedem selbst überlassen, aber es sollte möglichst früh das Bewusstsein vorhanden sein, dass ein Kind irgendwann nach seiner Herkunft fragen wird. Viele Paare setzen sich deshalb schon vor der Schwangerschaft intensiv mit diesen Fragen auseinander und entscheiden sich gegen eine anonyme Spende. Sie sind der Meinung, dass sie den Kindern den Wunsch nach Kenntnis ihrer biologischen Wurzeln nicht absprechen dürfen.

Gibt es denn auch die Angst zu scheitern?

Natürlich gibt es diese Angst, genau wie in heterosexuellen Familien. Aber der Schritt, sich seinen Kinderwunsch zu erfüllen, ist in der Regel gut durchdacht und das Problembewusstsein ist hoch. „Kann unser Kind gesund aufwachsen?“, „Können wir den Erziehungsauftrag erfüllen?“ solche Fragen stellen sich homosexuelle Paare genau wie alle Eltern. Generell  wächst jedoch kein Kind auf, ohne jemals gehänselt zu werden. Leider erfahren diese Familien oft weniger Unterstützung als heterosexuelle Familien: es gibt beispielsweise kein Ehegattensplitting oder bis vor kurzem keine Hinterbliebenenrente bei Beamten. Hier privat vorzusorgen, kostet eine Menge Geld, das dann im Familienalltag fehlt.

Wie schätzen Sie die Situation also insgesamt ein?

Die gesellschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren so positiv entwickelt, dass homosexuelle Paare den Schritt in die Elternschaft wagen können. Frühere Generationen von Schwulen und Lesben haben nicht einmal im Traum daran gedacht, dass sie überhaupt Eltern sein könnten. Das ist etwas absolut Neues. Regenbogenfamilien leisten Pionierarbeit: Der Boden ist zwar bereitet, aber gleichzeitig wissen die Regenbogenfamilien, dass sie sich aktiv an der Entwicklung beteiligen müssen, damit es irgendwann Normalität wird. Ich persönlich finde es einfach grandios, welchen Mut diese Paare beweisen. Alles in allem sind wir auf einem guten Weg.

zum Bericht