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Weihnachtstradition - Interview mit der Familiensoziologin Cynthia Degen

Alle Jahre wieder - welche Bedeutung hat das? Sind Weihnachtsbräuche heute noch wichtig für Familien? 

Degen: Bräuche und Rituale haben generell eine große Bedeutung für Familien, nicht nur an Weihnachten. Sie vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, sie sind identitätsstiftend und stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Familie. Immer wiederkehrende Rituale geben gerade Kindern einen Halt - denn sie machen das Leben einfacher. Und das ist nötig in unserer komplexen Welt. Rituale schaffen eine ganz eigene Familiengeschichte, eine Tradition, an die sich die Mitglieder der Familie immer gerne erinnern. Gerade in der Weihnachtszeit. 

Die Terminkalender sind voll, viele erleben die Weihnachtszeit als besonders hektisch - wo ist denn da Platz für Rituale? 

Degen: Natürlich ist unsere Zeit schnelllebig. Die Beschleunigung aller Lebensbereiche macht auch vor der Adventszeit nicht Halt. Aber gerade diese Wochen im Jahr bieten sich an, um auch einmal Ruhepausen einzulegen. Hier könnten Besinnlichkeit und Muße als Gegenmodell zur Beschleunigung ausprobiert werden. Wenn man das wirklich will, kann man sich die Zeit dafür nehmen: Anstatt am Wochenende zum Einkaufen in die überfüllte Stadt zu fahren, könnte man mit den Kindern gemeinsam spielen, vielleicht zusammen musizieren, Lebkuchen backen oder sich Geschichten erzählen. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Die Lebkuchen kann man schon im September im Supermarkt kaufen...wie sollte man damit umgehen? 

Degen: Auch ich habe den Eindruck, dass diese Waren jedes Jahr früher auf den Markt kommen, auch die Weihnachtsbäume in den Fußgängerzonen tauchen immer früher auf. Das nimmt natürlich der Adventszeit den besonderen Zauber. Wenn der Geruch von Lebkuchen und anderem Weihnachtsgebäck nicht mehr Weihnachten und der Zeit davor vorbehalten ist, dann verliert das an Bedeutung. Aber solche zeitlichen Einteilungen schaffen Struktur, das ist besonders für Kinder wichtig. Eltern könnten deshalb gegensteuern und sich diesem Konsumdruck entziehen. Weihnachtsgebäck und anderes sollte daher erst im Dezember gekauft werden, um der Weihnachtszeit ihre Einmaligkeit zu lassen. Außerdem könnten Eltern die Adventszeit ganz bewusst gestalten und andere Schwerpunkte als den Konsum von Weihnachtsartikeln setzen. Sie können durch Aktivitäten wie Plätzchen backen oder ein Weihnachtstheaterstück besuchen. die Zeit zusammen mit den Kindern erleben. Damit steigern sie auch die Vorfreude auf Weihnachten - ganz besonders bei den Kleinen. 

Welche Rolle spielt die Religion? 

Degen: Es gibt Umfragen wonach jeder zehnte Bundesbürger keine Ahnung hat, warum wir Weihnachten feiern. Das ist schade. Aber man kann auch niemandem vorschreiben, wie er Weihnachten für sich und seine Familie deutet. Für manche Menschen ist der religiöse Rahmen nicht wichtig, wohl aber die kulturellen Praktiken, die man seit der eigenen Kindheit kennt: Zum Beispiel am Adventssonntag gemeinsam die Kerzen anzuzünden und zu singen. Aber auch wenn man keiner christlichen Kirche angehört, sollten Eltern den Kindern erzählen, welche Bedeutung Weihnachten in unserer Kultur hat.

Darf man solche Weihnachtsbräuche auch verändern?

Degen: Natürlich, Bräuche und Rituale müssen sich sogar verändern, wenn sie nicht einengen sollen. Jede Familie hat ihre eigenen Rituale, manche davon werden an die nächste Generation weiteregegeben, andere nicht. Neue Familienmitglieder oder der Verlust eines Familienmitgliedes schaffen eine veränderte Familienkonstellation. Dadurch entstehen immer wieder neue Rituale. Veränderungen im Familienleben können auch zu Konflikten führen, dann müssen Kompromisse geschlossen werden.

Das klingt anstrengend... 

Degen: Das muss es aber gar nicht sein. Die Erwachsenen sollten sich klar machen, dass es vor allem auch darum geht, für die Kinder ein schönes Fest zu gestalten. Und niemand sollte sich dabei überfordern. Gerade Frauen neigen ja dazu, alles perfekt und harmonisch haben zu wollen und es ihren Lieben so schön wie möglich zu machen. Das ist verständlich, kann aber ganz schön stressig werden. Was nutzt das tollste Essen und die beste Inszenierung, wenn am Ende so gar keine besinnliche Atmosphäre aufkommen will. Da ist es besser, einen Gang runter zuschalten. 

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