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Experteninterview: Schullaufbahnentscheidung

Peter Grasmück ist Lehrer am Gymnasium Saarburg und dort außerdem Schullaufbahnberater sowie Berater für Berufs- und Studienorientierung.

Nach den Weihnachtsferien erhalten die Eltern der Viertklässler die Empfehlung für eine weiterführende Schule. Wie kommt die Empfehlung zustande?

Die Empfehlung orientiert sich an den Leistungen und an der Arbeitshaltung der Schülerin oder des Schülers. Sie wird im Rahmen der Klassenkonferenz entwickelt. Das heißt, alle Lehrerinnen und Lehrer einer Klasse entscheiden zusammen über die Schullaufbahnempfehlungen. Den Eltern wird die Entscheidung vor Vergabe der Halbjahreszeugnisse in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt und erläutert. Außerdem erhalten die Eltern eine schriftliche Formulierung der Empfehlung.

Wie sollten Eltern mit der Empfehlung umgehen?

Die Empfehlung ist sehr bedeutend aber nicht bindend. Deshalb sollten Eltern darüber nachdenken, ob die Empfehlung den eigenen Vorstellungen und der eigenen Einschätzung des Kindes entspricht. Die Eltern sollten darüber auch mit ihrem Kind reden. Ich empfehle auch, die Empfehlung im Freundes- und Verwandtenkreis zu besprechen, denn Menschen, die dem Kind nicht so nahe stehen wie die Eltern, können Nuancen manchmal besser einschätzen. Es kann auch sinnvoll sein, nochmals mit dem Grundschul-Klassenlehrer, der Lehrerin oder auch einer Lehrkraft der ausgewählten weiterführenden Schule zu sprechen.

Die Schullaufbahnempfehlung ist also nicht unumstößlich?

Nein, sie hat wirklich nur empfehlenden Charakter. Die Eltern müssen sich nicht daran halten und sollten die Entscheidung wie gesagt auf jeden Fall absichern.

In welchen Situationen kann unter Umständen eine andere Entscheidung sinnvoll sein?

Manches Potenzial kommt in der Grundschule nicht so zum Tragen und Lehrkräfte entdecken schlummernde Talente auch nicht immer. Vor der Aufnahme in eine weiterführende Schule wird mit den Eltern ebenfalls noch mal ein Gespräch geführt, um sich ein Bild von jedem Kind zu machen. Wenn ein Kind eine andere Empfehlung hat, werden die Eltern nach den Beweggründen gefragt. Die Einschätzung der Eltern hat ein starkes Gewicht, denn sie können die Potenziale ihres Kindes gut einschätzen. Allerdings sollten Eltern die Einschätzung der Lehrkräfte der Grundschule nicht einfach missachten.

Was sollten Eltern bedenken, die sich für eine andere Schule entscheiden als die empfohlene?

Eltern neigen verständlicherweise dazu, dass vermeintlich bessere Abschlussziel zu bevorzugen. Dabei berücksichtigen sie die Stärken und Schwächen ihres Kindes nicht immer ehrlich und bedenken die Folgen für das Kind nicht ausreichend. Die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes sollte im Vordergrund stehen, und Erfolg ist dafür außerordentlich wichtig: Eine positive Bekräftigung erzeugt eine positive Entwicklung. Man muss schon klar sagen, dass Eltern, die entgegen der Schullaufbahnempfehlung eine höhere Schule wählen, die Fähigkeiten des Kindes wirklich ehrlich beurteilen sollten. Und Eltern sollten ruhig auch mal tiefer stapeln, wenn absehbar ist, dass das Kind an der Realschule eher erfolgreich ist als am Gymnasium. Das ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn das Kind nicht unterfordert ist. Sowohl über- als auch Unterforderung ist eine schlechte Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung.

Sind Schulwechsel auch später noch ohne Probleme möglich?

Grundsätzlich ist in Rheinland-Pfalz und allen anderen Bundesländern die Durchlässigkeit in jeder Klassenstufe gegeben. Das heißt, ein Wechsel von einer zur anderen Schule ist fast immer möglich. Wenn die Schullaufbahnempfehlung also nicht so ausfällt, wie die Eltern das bevorzugt hätten, ist das kein Beinbruch.
Nach der 6. Klasse, der Ende der Orientierungsstufe, wird sowieso noch einmal überlegt, ob die Schulentscheidung richtig war oder ein Wechsel sinnvoll wäre. Erfahrungsgemäß ist die kritische Phase die 7. bis 10. Klasse, wenn die Schülerinnen und Schüler in der Pubertät sind. In dieser Zeit kommt es viel häufiger zu Leistungseinbrüchen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte auch im Verlauf der Schulzeit auf die Entwicklung achten.

Ist es sinnvoll, schon im Vorfeld mit den Lehrkräften zu sprechen - vielleicht auch um Einfluss auf die Empfehlung zu nehmen?

Die Entscheidung über die Schullaufbahnempfehlung ist ein Prozess, der sich über alle Grundschuljahre erstreckt. Eltern sollten nicht denken, dass sie in der 4. Klasse alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um die Entscheidung zu beeinflussen.
Für den schulischen Erfolg von Kindern ist es viel wichtiger, dass sich Eltern von Anfang an und regelmäßig mit den Lehrerinnen und Lehrern austauschen. Wenn Kinder wissen, dass Eltern und Lehrkräfte regelmäßig miteinander sprechen, hat das einen sehr positiven Effekt, weil sich die Kinder verstanden und Ernst genommen fühlen. Eltern sollten nicht nur die Elternsprechtage, sondern auch Schulfeste oder Schulprojekte nutzen, um mit Lehrerinnen und Lehrern zu reden, selbst wenn kein gravierendes Problem vorliegt. Leider wird diese Möglichkeit viel zu wenig genutzt.

Zum Bericht: Welche Schule ist die Richtige? ...