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Interview mit dem Diplom-Pädagogen Klaus Becker, Alzey-Worms  „Verliebt in Tokio Hotel? – Warum Vorbilder und Idole für Teenies wichtig sind“

Viele Jugendliche suchen ihre Vorbilder in der glitzernden Welt der Stars und Sternchen. Ist das nicht ein Problem, wenn man solche Vorbilder hat?

Nein. Vorbilder sind erst einmal nichts anderes als wichtige Orientierungspunkte. Man braucht sie, um die eigene Position abzugleichen und ein Gefühl dafür zu bekommen, wo man eigentlich selbst steht. ‘Was macht mich aus?’, ‘Wo stehe ich auf der gesellschaftlichen Leiter’ oder auch ‘Wie sieht es mit meiner Attraktivität aus?’. Das sind Fragen, die sich Heranwachsende stellen. Ein Vorbild hat die Funktion, die eigene Person abzugleichen.

Heißt das, ein Vorbild ist eine Art Maßstab für die Jugendlichen?

Vereinfacht kann man das so sagen, ja. Man kann aber darüber streiten, ob es gelegentlich ein völlig überzogener und falscher Maßstab ist. Teenager leiden manchmal unter diesen Vorbildern, liegen heulend auf ihrem Bett, weil sie nicht so aussehen wie ihr Idol. Aber es ist trotzdem ein Orientierungspunkt, um sich selbst einschätzen zu lernen. ‘So wäre ich gerne - aber wie bin ich denn nun?’ Diese Identitätsbildung in der Jugend ist die Voraussetzung dafür, dass man erwachsen wird und die Verantwortung für sich übernehmen kann.

Vorbilder verraten also den Jugendlichen, wer sie sind?

‘Wer bin ich’ und ‘Welche Talente und Fähigkeiten habe ich?’ -  Das sind schwierige Fragen. Die Antworten darauf kann man in keinem Buch nachlesen. Man findet sich selbst nur durch andere: Indem man sich mit ihnen vergleicht, indem man sich auch von ihnen abgrenzt. Dafür brauchen Jugendliche Vorbilder. Die Eltern können diese Funktion nicht einnehmen. Junge Menschen müssen sich aus dieser Bindung lösen und eigenständig werden, sie müssen der elterlichen Allmacht etwas entgegensetzen. Auch da haben Vorbilder eine wichtige Funktion.

Helfen sie den Jugendlichen also dabei, sich vom Elternhaus zu lösen?

Nicht direkt. Jugendliche lösen sich auch dadurch von den Eltern, indem sie eine Gegenmacht aufbauen. In dem Moment, wo Jugendliche ein bestimmtes Vorbild haben, schließen sie sich einer Gruppe an, den Fans von Tokio Hotel zum Beispiel. Diese Gruppen haben Rituale, eine bestimmte Art sich zu kleiden vielleicht oder sich zu frisieren. Sie mögen die gleiche Musik. All das gibt den Teenagern das Gefühl: Wir sind stark, wir sind viele und ich bin nicht allein. Ich kann dieser Macht meiner Eltern etwas entgegensetzen. Das ist besonders in der frühen Pubertät ein wichtiger Aspekt.

Und das findet in diesen Fan-Gruppierungen statt?

Zum Teil ja. Aber es gibt natürlich auch reale Gruppen, die sich um solche Vorbilder gründen. Das ist dann die Clique von Gleichgesinnten, von Freunden, mit denen man sich trifft. Heute vielleicht nicht mehr unter der Dorflinde, dafür bei facebook oder bei ICQ. In diesen Gruppen findet ein Wettbewerb statt: Da werden verschiedene Rollen ausprobiert - da ist man mal Zuhörer, mal Freund, Trendsetter, Draufgänger oder Supersportler. Alle diese Rollen werden mit dem Ziel durchgespielt, von den anderen eine Rückmeldung zu erhalten: ‘Wie komme ich an in dieser Rolle?’ - das wollen die Jugendlichen herausfinden. Dieses Ausprobieren und Sich-Verändern kann man auf dem Schulhof beobachten, aber auch in den sozialen Netzwerken. Es ist interessant zu sehen, wie Heranwachsende ihre Profile ständig ändern, wie sie versuchen, den anderen Reaktionen zu entlocken. Diese Cliquen sind von großer Bedeutung beim Erwachsenwerden. Sie sind ein Übungsfeld für die spätere Persönlichkeit.

Heißt das etwa, es ist völlig egal, was man für Vorbilder hat und mit wem man sich herumtreibt?

Jugendliche suchen ihre Gruppen und ihre Rituale. Die Rituale sind nicht nur Erkennungsmerkmal, sondern sie erfüllen auch die Funktion, die Gruppenmitglieder immer wieder aufeinander einzuschwören und die Gemeinschaft zu stärken. Ansonsten würden soziale Gruppen an ihrem internen Wettbewerb zerbrechen. Wenn die Rituale dann darin bestehen, sich jeden Freitag zum Besäufnis zu treffen oder Minderheiten zu verprügeln, so ist das natürlich ein massives Problem. Junge Menschen können auf der Suche nach Vorbildern auf Irrwege gelangen. Wichtig ist es dann, dass Eltern das im Auge behalten und mit den Jugendlichen im Gespräch bleiben. Sie können sagen, dass ihnen manches nicht geheuer ist, sie dürfen Kritik üben und versuchen Einfluss zu nehmen. Aber sie dürfen auch nicht vergessen, dass Jugendliche ihre Vorbilder manchmal bewusst abschreckend wählen.

Und Eltern? Können die denn gar kein Vorbild für ihre Kinder sein?

Bei kleinen Kindern können und müssen sie das sogar sein. Und auch wenn das mit dem Vorbildsein in der Pubertät schwierig wird, eins gilt immer: Was wir von unseren Kindern verlangen, dass sollten wir ihnen auch selbst vorleben. Erziehung findet nicht über den Kopf statt, sondern über den Bauch. Eltern müssen authentisch sein. Wer will, dass sein Kind nicht raucht, darf nicht selbst die Bude vollqualmen. Und wer von seinen Kindern Konsequenz verlangt, muss selbst konsequent sein.