Sie befinden sich auf den Internetseiten von VIVA FAMILIA - Servicestelle für Lokale Bündnisse in Rheinland-Pfalz.
direkt zur Hauptnavigation direkt zum Inhalt


Dr. Birgit Stappen, Professorin für Psychologie und Gerontologie im Fachbereich Gesundheit und Pflege der Katholischen Fachhochschule in Mainz.
Zu sehen, dass die eigenen Eltern älter werden und vielleicht sogar Hilfe brauchen, löst häufig Ängste aus, warum?
Die Schwierigkeiten und Ängste, die auftreten können, sind von der jeweiligen Familiengeschichte abhängig und unterschiedlich. Ein entscheidender Faktor ist auf jeden Fall, dass mit dem Alter langsam die Eltern-Kind-Rolle vertauscht wird. Außerdem verdrängen wir in unserer Gesellschaft gerne Grenzsituationen. Wir wollen uns nicht vorstellen, dass eine Phase kommt, in der man nicht mehr eigenständig leben kann, sondern hilfsbedürftig ist. Diese anderen Lebensumstände sind ja auch eine Vorstufe des Abschiednehmens und deshalb verdrängen viele das genauso wie den Tod.
Die Angst sollte man aber auf reale Füße stellen: Die Statistik zeigt, dass zwar bei Hochaltrigen ab 85 Jahren die Pflegebedürftigkeit steigt, aber selbst bei den über 100jährige sind nur ein Drittel pflegebedürftig. Ähnlich sieht es bei Demenz aus, nur ein Fünftel der Hochaltrigen ist davon betroffen.
Wenn die Situation eintritt und ein Elternteil pflegebedürftig ist, ist es wichtig sorgsam zu prüfen, was nötig und möglich ist. Meist geht es gar nicht darum, jemanden sofort zu sich zu holen.
Wohin können sich Angehörige von pflegebedürftigen Menschen mit ihren Fragen wenden? Wo finden sie Hilfe und Beratung?
Die Sozialministerien der Bundesländer haben viele gute Unterstützungsangebote. In Rheinland-Pfalz hat die Sozialministerin Malu Dreyer die Aktion "Menschen pflegen" ins Leben gerufen. Hier gibt es viele niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote. In Rheinland-Pfalz gibt es außerdem die Beratungs- und Koordinierungsstellen, die pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen beraten und Hilfen vermitteln.
Ist es sinnvoll, die Themen Alter und Pflege mit den eigenen Eltern anzusprechen?
Ein offenes Gespräch ist ganz wichtig und es sollte rechtzeitig stattfinden - ohne die Not Entscheidungen treffen zu müssen. Dabei sollte es darum gehen, was sich die Betroffenen selbst wünschen, wie Hilfen aussehen könnten und welche sinnvollen Möglichkeiten es innerhalb der Familie gibt. Wichtig ist auch, sich zu überlegen, was man für Grenzsituationen verfügen will und beispielsweise eine Patientenverfügung zu verfassen. Diese Fragen zu verdrängen ist nicht hilfreich, dadurch wird es nur schlimmer. Nur wer sich frühzeitig darüber Gedanken macht, kann selber bestimmen, wie Hilfen aussehen. Wenn es zu spät ist, verfügen andere über einen.
Betreuung zuhause in der Familie oder im Heim - gibt es da den besten Weg?
Gesetzlich sind zwei Grundsätze vorgeschrieben, die ich voll unterstütze. Der erste lautet ambulant vor stationär, also nach allen Möglichkeiten zu suchen, damit der pflegebedürftige Mensch längstmöglich zuhause bleiben kann. Der zweite Grundsatz heißt Rehabilitation vor Pflege. Damit sind Maßnahmen wie Physiotherapie gemeint, die die Pflegebedürftigkeit wieder vermindern und dem pflegebedürftigen Menschen helfen, wieder auf die Beine zu kommen. Pflege ist kein unabwendbares Schicksal.
Ein Heim empfehle ich nur, wenn die pflegebedürftige Person nicht mehr alleine leben und die Pflege in der Familie nicht bewältigt werden kann. Meistens scheitert das nicht an körperlichen, sondern an emotionalen Hindernissen, beispielsweise weil es die Beziehung untereinander unmöglich macht, dass Kinder ihren Eltern beim Waschen oder Anziehen helfen.
Was ist, wenn eine familiäre Betreuung nicht möglich ist, aber eine Heimunterbringung für den pflegebedürftigen Menschen und seine Angehörigen nicht in Frage kommt?
Es gibt ein ganzes Baukastensystem an Hilfen und Betreuungsdiensten, die pflegebedürftigen Menschen ein Leben zuhause ermöglichen: Teilstationäre Kliniken, stundenweise oder Tagesbetreuungsangebote, Nachtbetreuungsdienste, Kurzzeitpflege, Pflegedienste, Haushaltshilfen und ehrenamtliche Angebote.
In die Pflegeversicherung ist auch eingeschlossen, dass der Wohnraum der Situation angepasst wird. Und die Gerontotechnik bietet jede Menge Produkte und Geräte für ältere, pflegebedürftigen Menschen, beispielsweise Elektrogeräte, die sich automatisch abschalten.
Wenn pflegebedürftige Eltern bei ihren Kindern einziehen, ist das ein großer Einschnitt für alle Beteiligten. Unter welche Voraussetzungen klappt Pflege innerhalb der Familie?
Grundsätzlich ist es wichtig, dass der pflegebedürftige Mensch und jedes Familienmitglied an den Entscheidungen beteiligt ist, auch wenn darum gerungen werden muss. Wichtig sind auch ein gesundes und reflektiertes Verhältnis im Blick auf Nähe und Distanz, Gesprächsoffenheit und gute kommunikative Fähigkeiten sowie ein sensibler Umgang mit macht. Das heißt aber auch, "Bemächtigungen" zurückweisen und Grenzen setzen zu können.
Pflegende Angehörige sollten sich psychologisch beraten und begleiten lassen oder Selbsthilfegruppen anschließen. Es steht und fällt alles damit, wie die Betroffenen mit ihren eigenen Ängsten, der Trauer, dem Leben mit dem Abschied, der Rollenumkehrung umgehen und ob es ihnen gelingt, einen neuen Kontakt zu den veränderten Eltern zu finden. Die psychologische Begleitung ist ein wichtiges Feld, das leider noch zu wenig in Hilfsangeboten enthalten ist, da die Finanzierung nicht von der Pflegeversicherung übernommen wird.
Die Aufgaben einer Pflege in der Familie sind auf jeden Fall lösbar, und für viele ist das eine sehr bereichernde Zeit, in der sie sich sehr nahe sind.
Familiäre Pflege wird vor allem von Frauen geleistet und bedeutet oft eine enorme seelische und körperliche Belastung. Was sollte man beachten, um eine Überforderung zu vermeiden?
Die pflegende Person darf sich nicht nur mit der Pflegeaufgabe identifizieren, denn sonst besteht die Gefahr, dass sie selbst vereinsamt. Wichtig ist, sich auch um sich selbst zu kümmern, einen Raum für sich zu erschließen und externe Hilfen in die Pflege zu integrieren. Jeder Angehörige sollte überlegen: Was kann ich geben und wer kann das ergänzen, wenn der pflegebedürftige Mensch mehr braucht, als ich geben kann? Das A und O ist der verantwortliche Umgang mit den eigenen Grenzen.
Lesen Sie auch unseren Bericht "Wenn die Eltern älter werden"