Sie befinden sich auf den Internetseiten von VIVA FAMILIA - Servicestelle für Lokale Bündnisse in Rheinland-Pfalz.



Drucken

Seite durchsuchen zurück zu letzten Seite Seite ausdrucken

Inhalt

"Meine Eltern werden alt." Als Martin P. dieser Gedanke zum ersten Mal durch den Kopf schoss, hätte er ihn am liebsten sofort wieder gestrichen. Das passte nicht zum Bild, das er von seinen Eltern hatte. Sie waren immer voller Tatendrang und gesund gewesen. Doch auf einmal rief seine Mutter immer häufiger an, der Vater wiederholte jede Aussage zigmal, die kleinen Gebrechen nahmen zu. Und dann hatte sein Vater vor einigen Wochen einen Herzinfarkt. Zwar stellte sich nach dem ersten Schock heraus, dass die Situation weniger ernsthaft war als befürchtet. Doch auf einmal stand die Frage im Raum: Was ist, wenn die Eltern nicht mehr alleine leben können?

Die eigenen Eltern alt werden zu sehen, ist nicht leicht. Auf einmal verschiebt sich die Rollenverteilung: Jahrzehntelang standen einem die Eltern zur Seite und nun sind es auf einmal die Kinder, die sich um ihre Eltern Gedanken machen und erkennen, dass ihre Eltern nicht ewig leben werden. Meist ist es ein langsamer Prozess, aber manchmal verschlechtert sich der körperliche Zustand auch ganz plötzlich, beispielsweise durch einen gesundheitlichen Schicksalsschlag.

Der Gedanke daran, dass Mutter und Vater ihr Leben nicht mehr alleine meistern können, wirft viele Fragen auf: Wie lange schaffen sie es noch ohne Hilfe? Wie soll es weitergehen, falls sie pflegebedürftig werden? Könnte ich mir vorstellen, sie zu pflegen? Viele fühlen sich davon überfordert und auch die Eltern schieben den Gedanken, dass sie eines Tages Hilfe brauchen könnten, oft weit weg. Sich einzugestehen, dass ein eigenständiges Leben vielleicht nicht ewig möglich ist, ist alles andere als angenehm. Und sie wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen.

Deshalb ist ein offenes Gespräch wichtig, um Ängsten und falschen Erwartungen vorzubeugen und Lösungen auszuloten, hinter denen alle Beteiligten stehen. Ein solches Gespräch sollte frühzeitig stattfinden, möglichst ohne den Druck, sofort Handeln zu müssen. Dabei sollte auch ehrlich darüber gesprochen werden, ob eine Pflege zuhause möglich und vorstellbar ist. Auch juristische und finanzielle Fragen sind wichtig: Wer soll für die Eltern sprechen, falls sie das selbst nicht mehr können? Wer soll ihre Finanzen verwalten? Erwachsene Kinder stoßen ein solches Gespräch am besten damit an, dass sie die eigenen Sorgen vortragen und Vorschläge machen, was man ändern könnte. Auf keinen Fall sollte man die Eltern wie kleine Kinder behandeln und sie bevormunden.

In der Regel brauchen ältere Menschen zunächst keine medizinische Pflege zu Hause, sondern Hilfen im Alltag: beim Einkaufen, bei Haus- oder Gartenarbeit, bei Behördenangelegenheiten und Arztbesuchen, beim Lesen. Es gibt zahlreiche Angebote und Möglichkeiten, ältere Menschen bei diesen Dingen zu unterstützen: Haushaltshilfen, Pflegedienste, Essen auf Rädern, ehrenamtliche Helfer oder ein gutes Netzwerk von Familienmitgliedern und Nachbarn. Solche Unterstützungen sollten in Absprache mit den Betroffenen und möglichst in kleinen Schritten eingeführt werden. Ganz wichtig ist auch, die räumlichen Wohnbedingungen rechtzeitig an das Alter anzupassen.

Wenn Eltern doch irgendwann pflegebedürftig werden, ist es für viele Familien selbstverständlich, sie zuhause zu betreuen. Etwa 70 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden in der Familie gepflegt. Diese Entscheidung ist ein großer Einschnitt für alle Beteiligten. Entscheidend für das Gelingen von Pflege in der Familie ist vor allem, ob die Beziehung zwischen pflegebedürftigen Eltern und pflegenden Kindern positiv und unkompliziert ist. Doch auch, wenn beide Seiten ein enges Verhältnis haben, sollten sich Kinder gut überlegen, was sie für ihre Eltern tun möchten und was sie realistisch leisten können. Pflege bedeutet eine große Veränderung des Familienalltags und kann Jahre andauern. Die Hauptpflegeperson - in der Regel die Tochter - muss ihre Erwerbstätigkeit eventuell reduzieren, sie hat weniger Freizeit und Konflikte mit dem pflegebedürftigen Elternteil können entstehen. Darunter können auch die Paarbeziehung und das Zusammenleben mit den Kindern leiden. Deshalb ist es entscheidend, dass alle Beteiligten "Ja" sagen und einen Weg finden, die Pflege in den Alltag zu integrieren, ohne sie zum dominierenden Faktor werden zu lassen. Wichtig ist, dass die Hauptpflegeperson genügend freie Zeit für sich hat, in der sie sich erholen und Abstand gewinnen kann. Deshalb ist es ganz wichtig, die Pflegearbeit auf möglichst viele Schultern zu verteilen und neben anderen Familienmitgliedern auch Pflegedienste einzubeziehen.

Falls die Familie auch kleinere Kinder hat, ist die neue Situation vor allem für sie eine große Umstellung, denn es bleibt weniger Zeit. Damit sie sich nicht zurückgesetzt fühlen, sollten sie Anteil an der neuen Aufgabe haben. Kinder gehen meist unbefangen damit um, wenn jemand "anders" ist und Pflegebedürftige genießen häufig die Zeit mit ihren Enkeln. Wichtig ist, dass Kinder nicht das Gefühl bekommen, ihre Bedürfnisse seien weniger wichtig als die des Pflegebedürftigen. Kinder haben ein Recht auf Zeiten, in denen die Eltern nur für sie da sind.

Haben sich erwachsene Kinder und Eltern noch nie verstanden und wird die Pflege widerwillig, aus Schuld- oder Pflichtgefühl übernommen, ist eine harmonische Pflege-Situation kaum möglich. Oder die Wohnungsgröße erlaubt eine Pflege in der Familie nicht. Oder die Kinder wohnen zu weit weg und wollen ihre pflegebedürftigen Eltern nicht entwurzeln. Dann ist es besser, sich ehrlich einzugestehen, dass eine familiäre Pflege nicht möglich oder nicht sinnvoll ist und nach Alternativen zu suchen.

Seine Eltern in einem Heim unterzubringen, das kann sich Martin P. nicht vorstellen und auch fü seine Eltern ist der Gedanke erschreckend. Aber sie zuhause zu pflegen, wenn es sein müsste? Solange die beiden Kinder von Martin und Gisela noch daheim wohnen, wäre das schon aus Platzgründen nicht möglich. Als Martin und Gisela endlich den Mut hatten, die Eltern auf das heikle Thema anzusprechen, waren sie erstaunt, welch offene Türen sie damit einrannten. Zwar hat die Familie noch keine Lösung für den Fall der Fälle gefunden. Doch sowohl Martin als auch seine Eltern beschäftigen sich inzwischen mit den verschiedenen Unterstützungsangeboten und unterschiedlichen Wohnformen im Alter wie beispielsweise Betreutes Wohnen oder gemeinschaftliche Wohnprojekte.

Weitere Informationen:
In Rheinland-Pfalz informieren die Beratungs- und Koordinierungsstellen (www.menschen-pflegen.de/enid/Wohnortnahe_Pflege/Beratungs-_und_Koordinierungsstellen_5p.html) in allen Fragen rund um die Pflege und vermitteln auch Adressen anderer Hilfsangebote, wie beispielsweise der Familien- und Lebensberatungsstellen vor Ort. Die Pflegekasse, die bei der Krankenkasse angesiedelt ist, informiert zudem über mögliche Zuschüsse und Hilfsmittel.

www.menschen-pflegen.de

www.hilfe-und-pflege-im-alter.de

www.demenz-rlp.de

Literaturtipps:
Familienpflegeratgeber - Eine praktische Alltagshilfe für Angehörige von pflegebedürftigen älteren Menschen. Hrsg.: Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit Rheinland-Pfalz, 2006. (pdf, 850 kb)
www.masfg.rlp.de/scripts/broschueren_suche.asp?bestelliste=&publikationsthema=5&titel=&inhaltsangabe=&publikationsart=0&B1=Suchen#

Pflege zu Hause - So organisieren Sie die Hilfe. Stiftung Warentest, 2007, ISBN 3937880305, 19,90 Euro.
Bestellung (www.stiftung-warentest.de/shop/alle/alles/shop/sp0151000.html)

Pflegefall - was tun? Leistungen der Pflegeversicherung und anderer Träger verständlich gemacht. Verbraucherzentrale, 2006, 12,90 Euro.
Bestellung (www.verbraucherzentrale-nrw.de/UNIQ117995389710113/link192879A.html)

Birgit Stappen (Hrsg.): Begleitung pflegebedürftiger und an Demenz erkrankter Menschen und ihrer Angehörigen, Matthias Grünewald Verlag, 2005, ISBN 3786725802, 19,80 Euro.

Helga Käsler-Heide: Wenn die Eltern älter werden. Ein Ratgeber für erwachsene Kinder, Beltz Verlag, 2005, ISBN 3407228856, 15,90 Euro.

Dorothee Döring: Rollentausch. Wenn Eltern in die Jahre kommen, Neukirchener Verlag, 2004, ISBN 3797500769, 14,90 Euro.

Marianne Künzel-Schön: Wenn alte Eltern Hilfe brauchen. Psychologie und Praxis, Beck Verlag, 2004, ISBN 3406510736, 12,90 Euro.

Ilse Biberti: Hilfe, meine Eltern sind alt, Ullstein Verlag, 2006, ISBN 3550078870, 18,00 Euro.

Lesen Sie auch unser Experteninterview: "Verantwortlich mit den eigenen Grenzen umgehen"