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Jeden Morgen gehen Katja und Oliver nervös zum Bett ihrer dreijährigen Tochter Leah und kontrollieren, ob sie sich nachts wieder aufgekratzt hat. Leah hat Neurodermitis. Als sie etwa ein Jahr alt war, entdeckten ihre Eltern zum ersten Mal die geröteten, rauen Hautstellen an ihren Beinen. Seitdem hat sich das Erscheinungsbild von Leahs Haut schubweise zunehmend verschlechtert. Nachdem Leah eines Morgens mit blutig aufgekratzten Handrücken in ihrem Bettchen stand, drehte sich fortan fast alles nur noch um Leahs Erkrankung. Katja und Oliver suchten zig Ärzte auf, testeten diverse Medikamente und Pflegemittel und verfolgten jeden Tipp, den sie aufschnappten. Je mehr die Krankheit zum beherrschenden Thema wurde, desto mehr litten alle Beteiligten - ohne dass sich Leahs Zustand besserte.
Keine Nachtruhe seit Wochen, weil sich das Baby blutig kratzt, kein Herumtollen auf blühenden Wiesen, weil der Sohn Heuschnupfen hat, das Kaninchen muss abgeschafft werden, weil die Tochter Asthmaanfälle bekommt. Der Leidensdruck in Allergikerfamilien ist immens. Oft kommt die Diagnose völlig unvorbereitet und löst Ratlosigkeit, Unsicherheit und Angst aus. Aus allen Ecken kommen gutgemeinte Ratschläge, so viele, bis man sie irgendwann nicht mehr hören kann. Manchmal kommt auch Wut nach einem unbefriedigenden Arztbesuch hinzu oder die verzweifelte Frage: Warum ausgerechnet mein Kind? Viele Eltern allergiekranker Kinder leiden zumindest zeitweise unter Depression, schlechtem Gewissen oder Frust.
Verschiedene Untersuchungen belegen, dass allergische Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen haben. Vor allem Kinder sind betroffen: Etwa jedes vierte Kind in Deutschland hat Allergien. Am weitesten sind Heuschnupfen, Neurodermitis und Bronchialasthma verbreitet - wobei nicht alle Krankheitsformen schwer verlaufen. Die Gründe, warum Allergien zunehmen, sind nicht eindeutig geklärt. Ganz sicher spielen Erbfaktoren eine Rolle, doch auch Umwelteinflüsse und der individuelle Lebensstils scheinen wichtig zu sein.
Eltern wollen ihrem allergiekranken Kind am liebsten sofort und nachhaltig helfen. Aber bis heute gibt es kein Patentrezept bei Nahrungsmittelallergien, Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma und anderen allergisch bedingten Erkrankungen. Und der mittlerweile unüberschaubare Markt der Therapieangebote und Behandlungsprodukte macht es Eltern nicht leichter, den richtigen Weg zu finden.
Auch die Betreuung eines allergiekranken Kindes stellt häufig eine erhebliche Belastung für die ganze Familie dar. Allergiekranke Kinder brauchen viel Geduld, Zuwendung und Unterstützung und manchmal auch Konsequenz. Denn oft sehen Kind nicht ein, warum sie Medikamente einnehmen, inhalieren oder die Haut pflegen müssen. Jedes Kind möchte möglichst "normal" sein und will nicht anders behandelt werden. Die Sorge um das kranke Kind und der Wunsch ihm zu helfen, können aber auch zur Überbehütung führen und das Kind fühlt sich noch mehr beeinträchtigt. Oder es lernt, dass es durch seine Krankheit viel Aufmerksamkeit bekommt und setzt dies bewusst ein. Zu viel Fürsorge erhöht außerdem die Belastung für die Eltern und die familiäre Situation wird noch schwieriger, zum Beispiel auch weil sich Geschwister benachteiligt fühlen.
Eltern sollten ihrem allergiekranken Kind so viel helfen wie nötig, es aber nicht übermäßig bedauern und es so normal wie möglich behandeln. Wichtig ist, dem Kind die Behandlungsmaßnahmen zu erklären und diese ruhig und konsequent durchzuführen, ohne sich auf Verzögerungstaktiken einzulassen. Hilfreich ist auch, das Kind an der Therapie zu beteiligen und es möglichst viel selbst- oder mitmachen zu lassen, damit es lernt eigenverantwortlich mit der Krankheit umzugehen.
Um eine Allergie langfristig in den Griff zu bekommen, ist es - neben der medizinischen Therapie - notwendig, die Ursachen zu erkennen. Manchmal ist das sehr leicht, weil der Zusammenhang zwischen Auslöser und Krankheitszeichen offensichtlich ist und das Kind nur auf eine oder wenige Substanzen reagiert. Leider ist es aber auch oft so, dass die Zusammenhänge nur vermutet werden oder neben Umweltsubstanzen auch die emotionale Situation - wie Stress oder Aufregung - die allergische Reaktion beeinflussen. Das ist insbesondere bei Neurodermitis der Fall. Andererseits bessert sich bei vielen kleinen Patientinnen und Patienten der Zustand der Haut bis zum Schulalter.
Auch Eltern-Kind-Kuren können bei Allergien hilfreich sein. Der Ortswechsel, ein anderes Klima, Heilverfahren, Patientenschulungen und die Möglichkeit, sich jenseits des Alltags mit Fachleuten und anderen Betroffenen über die Erkrankung auszutauschen - das alles kann dazu beitragen, den Krankheitszustand zu verbessern und mit einer Allergie leichter fertig zu werden.
Wichtig ist eine gute Betreuung durch einen Mediziner, der Erfahrung mit Kindern haben sollte, dem die Eltern vertrauen und der auch emotionale Aspekte miteinbezieht. Nur durch eine intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten können Allergien gut behandelt werden. Auch wenn verzweifelte Eltern gerne nach jedem Strohhalm greifen, der Hilfe verspricht: Angeblichen Wundermitteln sollte man mit Skepsis begegnen. Das gilt insbesondere dann, wenn eine Behandlungsmethode nur von einer oder von wenigen Autoritäten vertreten wird, teuer ist und nicht von der Krankenkasse bezahlt wird oder der Verordnende gleichzeitig Hersteller des Mittels ist.
Wer ein allergiekrankes Kind hat sollte sich immer wieder klar machen, dass weder die Eltern noch das Kind die Schuld für die Krankheit tragen. Und: Häufig leiden die Eltern stärker als die betroffenen Kinder selbst. Das haben auch Leahs Eltern - nach vielen frustrierenden Arztbesuchen, der verzweifelten Suche nach den Gründen für die Erkrankung und dem erfolglosen Austesten mancher "Zaubertinktur" - festgestellt. Das hat ihnen geholfen, gelassener mit der Krankheit umzugehen.
Katja und Oliver haben sich schließlich für einen Arzt entschieden, dem sie vertrauen und von dem sie sich unterstützt fühlen, sie reagieren nicht mehr panisch auf jedes Kratzen und reden nicht mehr ständig über den Zustand von Leahs Haut. Seitdem hat sich die familiäre Situation deutlich entspannt.
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