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Was ist das eigentlich, eine Allergie?

Dr. Gerhard Zimmermann ist Dermatologe und Psychotherapeut in Mainz
www.stressmanagement.de

Was ist das eigentlich, eine Allergie?

Im Wesentlichen ist eine Allergie eine Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Umweltsubstanzen. Allergien gehen häufig mit Stress und Nervosität einher. Wenn wir gereizt, nervös und angespannt sind, dann reagieren wir auch körperlich. In diesem Sinne heißt es auch: "Auf jemanden allergisch zu reagieren". Voraussetzung für eine Allergie ist die genetische Veranlagung. Die genetische Disposition alleine macht aber noch keine Symptome, es müssen bestimmte Faktoren wie Umweltbelastungen und Stress, dazukommen. Eine Allergie ist nicht dauerhaft vorhanden, sondern tritt schubweise auf, wenn die Belastung hoch ist, beispielsweise bei Heuschnupfen durch Pollen. Aber auch bei niedriger Belastung und viel Stress, können Symptome auftreten - oder allein dadurch, dass ein Pollenallergiker das Bild von einer blühenden Wiese betrachtet.

Es heißt, dass immer mehr Menschen unter Allergien leiden. Wie ist das zu erklären?

In den letzen 30 bis 40 Jahren haben Allergien dramatisch zugenommen. Derzeit sind etwa 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung betroffen. Die Veränderung des Lebensstil beeinflusst das Auftreten von Allergien: Die Reizdichte hat in den letzen 150 Jahren um das 200fache zugenommen, vor allem in den Städten. Die Aktivitäten des Alltags sind sehr komplex geworden, Tempo und Anforderungen nehmen zu, wir haben ständig Termine. Parallel dazu hat sich seit 100 Jahren, seit es elektrisches Licht gibt, die Schlafdauer um zwei Stunden verkürzt und der Körper hat weniger Zeit, sich zu regenerieren.

Viele Studien zeigen, dass beispielsweise Kinder, die in der Großfamilie auf einem Bauernhof mit Tieren aufwachsen, seltener Allergien haben als Kinder aus der städtischen Mittelschicht. Letztere sind bis zu 25 Prozent von Allergien betroffen. Wenn Tiere zu versorgen sind, ist der Tagesverlauf stärker dem biologischen Rhythmus angepasst und das Tempo langsamer.

Welche Allergien sind am weitesten verbreitet?

Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis sind die drei Hauptallergien. Davon treten Neurodermitis und Heuschnupfen am häufigsten auf.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Kann eine Allergie geheilt werden?

Allergiker können symptomfrei werden. Das ist aber keine Garantie, dass die Allergie nie mehr auftritt, denn die Veranlagung ist ja weiterhin vorhanden. Es gibt zahlreiche Medikamente, um eine Allergie symptomatisch zu behandeln, beispielsweise Cortison und Antihistaminika. Auch die Hyposensibilisierung, bei der dem Körper immer wieder kleinere Mengen des Allergens zugeführt werden, um einen Gewöhnungsprozess zu erreichen, bekämpft lediglich die Symptome.

Um die Ursachen einer Allergie zu beeinflussen, ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen Erregung, Anspannung und Symptomen zu erkennen und damit bewusster umzugehen. Allergische Symptome sind erregungsabhängig und entstehen durch Überanstrengung und zu wenig Regenerationszeit. Dann schafft es der Körper nicht mehr, sich zu erholen. Gerade für Kinder ist die subjektive Belastung im Alltag sehr viel größer als für Erwachsene. Entscheidend ist es, die individuellen Belastungsgrenzen wahrzunehmen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die im Alltag verändert werden müssen, um die Belastung zu senken.

Was verändert eine Allergie im Hinblick auf die Betreuung des Kindes?

Neurodermitis erfordert häufig eine intensive Hautpflege. Kinder mit asthmatischen Erkrankungen müssen regelmäßig Medikamente einnehmen und der Lungenfacharzt muss die Erkrankung regelmäßig kontrollieren, sonst kann es langfristig zu irreversiblen Schäden kommen.

Welche Belastungen erleben die Eltern ?

Eine Allergie löst bei den Eltern meist eine starke Verunsicherung aus und das Kind erhält deutlich mehr symptombedingte Aufmerksamkeit. Und sie fragen sich natürlich auch, woran es liegen könnte und ob sie etwas falsch gemacht haben. Oft leiden die Eltern seelisch stärker als das Kind. Dies wird vor allem deutlich, wenn die Symptome des Kindes nicht so stark ausgeprägt sind.

Die verstärkte Aufmerksamkeit ist nicht nur positiv, denn Kinder merken das und lernen das auch einzusetzen, beispielsweise durch demonstratives Kratzen. Außerdem können Eltern, die ängstlich und verunsichert sind, ihr Kind weniger gut beruhigen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, es gehe dem Kind umso besser, je mehr man für es tut. Denn die hohe Anstrengung und Belastung überträgt sich auch auf das Kind. Es muss nicht nur dem Kind gut gehen, sondern auch den Eltern - insbesondere der Hauptbetreuungsperson, nur dann geht die Anspannung runter. Deshalb ist es wichtig, Eltern entsprechend zu beraten. Leider fühlen sich Eltern diesbezüglich häufig allein gelassen, weil viel Ärztinnen und Ärzte vor allem nach den Krankheitssymptomen beim Kind gucken.

Was können Eltern im Alltag tun, um sich und ihrem Kind das Leben mit der Allergie zu erleichtern?

Wenn allergische Symptome auftreten, ist das Kind im Stresszustand. Dann sollte alle zusätzlichen Aktivitäten dosiert werden, denn die Belastungsgrenze ist bereits überschritten. Kratzen ist nur bedingt zu beeinflussen, denn dadurch wird auch Anspannung abgebaut. Deshalb muss die Person insgesamt ruhiger werden. Wichtig ist zu überlegen, welcher Tagesrhythmus und welche Aktivitäten hilfreich sind, um Anspannung abzubauen und die Allergie möglichst gut zu bewältigen. Insbesondere ist auf einen eng begrenzten Gebrauch von Computer und Fernseher und MP3-Player zu achten. Eine langfristige Verbesserung ist nur zu erreichen, wenn die Eltern gelassener mit den Symptomen umgehen und den Zusammenhang zwischen Anspannung und der allergischen Reaktion erkennen. Dann nimmt auch die Unsicherheit und Hilflosigkeit ab.

Wovon ich auf jeden Fall abrate ist, unzählige Ärzte aufzusuchen und zig Medikamente auszuprobieren. Das erhöht meist nur die Hilflosigkeit.

Wo finden Eltern allergiekranker Kinder Hilfe?

Entscheidend ist ein guter Arzt, der unterstützt und berät. Empfehlen kann ich auch das Allergiezentrum und die Neurodermitissprechstunde der Mainzer Uniklinik.

Zum Heilpraktiker sollte man bei Allergien gerade mit kleinen Kindern nicht gehen! Die Methoden, die dort angewandt werden, sind oft kontraproduktiv.

Lesen Sie auch den Bericht zum Thema.

Neurodermitissprechstunde Uniklinik Mainz

Allergiezentrum Uniklinik Mainz

Deutscher Allergie- & Asthmabund e.V. Landesverband Rheinland-Pfalz

Patientenliga Atemwegserkrankungen e.V.

Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind