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Nina Roth arbeitet im Büro für Suchtprävention der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland-Pfalz e.V.
Aktuelle Untersuchungen besagen, dass der Alkoholkonsum unter Jugendlichen insgesamt sinkt, gleichzeitig aber immer mehr Jugendliche exzessiv trinken. Können Sie das bestätigen?
Nina Roth: Es ist tatsächlich so, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol seit einigen Jahren sinkt. Das sagt aber noch nichts über die Konsumform aus und die hat sich in den letzten Jahren gerade bei Jugendlichen geändert. Der Stellenwert von gezielt eingesetztem exzessiven Trinken, also dem so genannten "Koma-Trinken", ist größer geworden. Das ist die Erfahrung der Regionalen Arbeitskreise Suchtprävention in Rheinland-Pfalz. Außerdem ist das Einstiegsalter gesunken, es ist keine Seltenheit, das Zwölfjährige regelmäßig trinken. Die Zahl von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen ist gestiegen und auch der Konsum bei weiblichen Jugendlichen. Dabei haben vor allem Alcopos eine große Rolle gespielt, weil sie Mädchen eher schmecken.
Jugendliche sind im "Probieralter" und dazu gehört es in einem gewissen Rahmen auch, mit Alkohol zu experimentieren. Was können Eltern tolerieren?
Nina Roth: Alkohol zu probieren gehört oft zur Jugendphase. Aber Toleranz darf nicht mit Wegschauen verwechselt werden. Grenzsetzung beim Alkohol ist schwierig. Es ist eine individuelle Entscheidung der Eltern, ab wann und in welchen Mengen sie ihren Kindern Alkohol erlauben. Wichtig ist, dass Eltern das Thema Alkohol schon im Vorfeld ansprechen und überlegen, wie sie damit umgehen wollen und nicht erst dann, wenn die Kinder bereits Alkohol konsumieren. Das Jugendschutzgesetz gibt Regelungen vor, an denen sich Eltern durchaus orientieren sollten: Danach ist für unter 14jährige der Konsum von alkoholischen Getränken generell verboten, 14- bis 15jährigen ist er nur in Begeleitung der Eltern erlaubt. Erst ab 16 Jahren dürfen alkoholische Getränke wie Bier, Wein und Sekt erworben werden und branntweinhaltige Getränke - also härtere Alkoholika - erst ab 18 Jahren.
Grundsätzlich gilt: Je später Kinder und Jugendliche mit Alkohol in Kontakt kommen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, das sie im Laufe ihres Lebens Alkoholprobleme entwickeln. Und bei Alkohol im Straßenverkehr dürfen Eltern keinerlei Toleranz zeigen.
Wo verläuft die Grenze zum Alkoholmissbrauch? Wann und wie sollten Eltern eingreifen?
Nina Roth: Die Grenze zum Missbrauch ist fließend und man kann sie nicht in exakten, allgemeingültigen Zahlen angeben. Es gibt einen Übergang von der Gewöhnung zum Missbrauch: Erst gewöhne ich mich an Alkohol, dann kann es zu Missbrauch kommen. Missbrauch ist immer eine Zweckentfremdung, beispielsweise wenn jemand vor einer Klassenarbeit trinkt. Und wenn Alkohol bereits in der Pubertät als Hilfsmittel dient, um Angst- oder Stresssituationen zu meistern, ist die Gefahr groß, dass es dabei bleibt.
Eltern sollten sich unbedingt im Vorfeld klar machen, was für sie Missbrauch ist und das mit ihren Kindern thematisieren, denn die haben oft ganz andere Vorstellungen von Missbrauch. Dabei sollten auch entsprechende Sanktionen gemeinsam besprochen werden. Wenn es einen Handlungsrahmen gibt, fällt es Eltern oft leichter, in Missbrauchssituationen zu reagieren. Auch Jugendlichen hilft es im Umgang mit Alkohol, die Konsequenzen zu kennen.
Und dann gibt es natürlich auch einen Missbrauch im rechtlichen Sinne, nämlich wenn Kneipen oder Supermärkte die Jugendschutzvorschriften zur Alkoholabgabe nicht einhalten. Solche Übertritte sollten Eltern immer der Polizei oder dem Ordnungsamt melden.
Was können Eltern tun, damit es erst gar nicht zum Missbrauch kommt?
Nina Roth: Eltern sind wichtige Vorbilder - auch wenn Jugendliche das so nicht äußern - und diese Vorbildrolle müssen sie wahrnehmen, aber dabei realistisch sein. Es geht also nicht um absoluten Verzicht, sondern um einen maßvollen Umgang mit Alkohol und auch um eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum. Wenn Eltern dagegen selbst Suchtprobleme haben und beispielsweise schon morgens um zehn Uhr das erste Bier trinken, ist das Risiko sehr groß, das Kinder diese Verhaltensmuster übernehmen. Eltern sind zuhause auch für die Verfügbarkeit von Alkohol zuständig und sollten sich überlegen, wie und wo Alkohol zugänglich ist und ob das okay ist.
Generell gibt es bei Alkohol und allen anderen Suchtgefahren gewisse Faktoren, die vor Missbrauch schützen und die durch die Erziehung bestimmt werden. Unter anderem sind das eine altersgemäße Entwicklung - das heißt weder Unter- noch Überforderung -, ein stabiles Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit und außerdem Vertrauen in die Selbstwirksamkeit, also zu wissen, dass ich mein Leben aktiv gestalten kann, egal was kommt.
Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind gefährdet ist oder schon ein Alkoholproblem hat?
Eine einheitliche Diagnostik für Alkoholprobleme gibt es nicht - es sei denn, jemand ist ständig betrunken. Es gibt aber gewisse Indikatoren, die Anhaltspunkte für eine Suchtgefährdung sind: Wenn ein Jugendlicher häufig oder auffällig Alkohol konsumiert, das heißt extrem viel oder es kommen Gewalthandlungen dazu. Ein Freundeskreis, in dem Alkohol getrunken wird, Schule schwänzen, Sitzen bleiben, depressives Verhalten oder extrem launisch sein, geringe Anerkennung im Freundeskreis, wenig Selbstvertrauen, eine negative Einstellung zum eigenen Körper - all das können Merkmale für Suchtprobleme sein. Und je mehr von diesen Merkmalen auftreten, desto größer ist das Risiko. Es können aber natürlich auch andere Gründe vorliegen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern in regelmäßigem Kontakt zu ihren Kindern bleiben, denn nur dann können sie solche Dinge bemerken.
Außerdem gibt es auf Seiten der Familie bestimmte Rahmenbedingungen, die die Suchtgefahr erhöhen: Wenn Eltern selbst verstärkt Alkohol konsumieren oder abhängig sind, wenn es Gewalterfahrung gibt oder ein nicht altersgemäßes Verhalten von Kindern verlangt wird.
Wie sollten Eltern mit Alkoholproblemen ihrer Kinder umgehen? Wo finden Sie Hilfe?
Nina Roth: Wichtig ist, dass die Eltern das Gespräch suchen und eine gute Kommunikations- und Vertrauensbasis schaffen, indem sie ihrem Kind vermitteln, dass sie es ernst nehmen - ohne den Alkoholkonsum zu akzeptieren. Die Verantwortung muss bei dem Jugendlichen bleiben. Die Eltern sollten dem Jugendlichen nicht erklären, wie seine Probleme aussehen und zu lösen sind, sondern ihre eigene Sorgen und Bedenken ausdrücken. Auch Freunde und Bekannte können eine wichtige Rolle spielen, wenn sie einen guten Draht zu dem Betroffenen haben. Wenn das alles schwierig ist und offene, ernsthafte Gespräche nicht geführt werden können, sollten die Eltern eine Beratungsstelle aufsuchen.
In der Diskussion um Alkoholprobleme von Kindern und Jugendlichen wird häufig den Eltern die Schuld zugeschoben. Aber das ist unsinnig und eher kontraproduktiv. Neben der Erziehung spielen auch viele soziale Faktoren eine Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeit wie schlechte wirtschaftliche Verhältnisse, Arbeitslosigkeit, überforderte alleinerziehende Elternteile und schlechtere Bildungschancen.
Kontakt:
Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e. V.
Büro für Suchtprävention
Nina Roth
Hölderlinstraße 8
55131 Mainz
Tel.: (06131) 20 69-24
Email: nroth(at)lzg-rlp.de
Weitere Informationen:
Suchtberatungsstellen in Rheinland-Pfalz
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Datenbank der Suchtberatungsstellen
Lesen Sie auch unseren Bericht "Positive, glaubwürdige Vorbilder beugen Alkoholmissbrauch vor"