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Sind Impfungen wirklich nötig? - Interview

Interview mit Dr. Lothar Maurer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Sind Impfungen wirklich nötig?

Wenn es um harmlose Erkrankungen ginge, würden die Ärzte nicht impfen. Es wird schon genau hingeschaut, wie hoch die Risiken sind. Die Impfung gegen Tuberkulose zum Beispiel wurde eingestellt, weil die Tuberkuloserate in Deutschland mittlerweile so niedrig ist, dass das Risiko der Impfung größer wäre als das Risiko an Tuberkulose zu erkranken. Es wird nicht einfach mal so geimpft, sondern nur, wenn der medizinische Nutzen den zu erwartenden Schaden weit überwiegt.

Trotzdem gibt es immer noch Masernpartys ...

Masern sind hochansteckend, sie sind alles andere als harmlos. Man darf auf keinen Fall riskieren, dass Kinder daran erkranken. Bei Masern können nicht nur schwere Mittelohrentzündungen auftreten, sondern auch Gehirnentzündungen. Es besteht auch die Gefahr, dass es Jahre nach einer überstandenen Masernerkrankung zum Auftreten einer Panenzephalitis kommt, das ist ein langsam fortschreitender Verlust aller Hirnfunktionen. Der führt immer zum Tod. Das Risiko, diese tödliche Krankheit zu bekommen, liegt bei 1 zu 50.000, bei jüngeren Kindern ist es noch viel höher: Ein Kind von zehntausend Erkrankten, die jünger sind als ein Jahr, stirbt daran. Und die Impfbereitschaft in Deutschland geht immer weiter zurück. Deshalb steigen auch die Ansteckungszahlen. Das ist bedenklich.

Welche Impfungen empfehlen Sie?

Ich bin uneingeschränkt dafür, sich an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission,(STIKO), zu halten. Die allererste Impfung, die man machen muss, ist die Sechsfachimpfung: Da wird gegen Diphtherie, Haemophilus influenzae Typ b, Hepatitis B, Keuchhusten, Kinderlähmung und Tetanus geimpft. Die meisten kennen das. Diese Impfung darf man auf keinen Fall versäumen. Haemophilus influenzae Typ b war vor 1990 die häufigste Ursache für eine eitrige Hirnhautentzündung, es gab 1400 bis 1600 Fälle pro Jahr. Jeder Zehnte ist daran gestorben, und noch einmal so viele haben bleibende Schäden zurückbehalten. Im schlimmsten Fall bekam man eine eitrige Kehlkopfentzündung, und auch da  gab es immer wieder Todesfälle. Dank der Impfungen haben wir jetzt gerade noch zwanzig Fälle pro Jahr in ganz Deutschland.

Ist die Impfung gegen Hepatitis wirklich schon bei Babys nötig?

Das Risiko, Hepatitis zu bekommen, ist bei Säuglingen sicher gering. Der Hauptgrund, schon so junge Kinder dagegen zu impfen, liegt aber darin, dass es bei ihnen kaum Impfversager gibt. Das heißt: Wenn Sie ein Baby impfen, entwickelt es sicher einen Schutz. Bei Jugendlichen sieht das schon anders aus: Da gibt es schon ein Prozent Impfversager, also 1%  entwickelt keinen Impfschutz, bei Erwachsenen sind es 20%. Wenn wir also Hepatitis beseitigen wollen, müssen wir früh anfangen zu impfen.

Gibt es denn auch Fälle, in denen Sie von Impfungen abraten würden?

Bei einem Immundefekt darf man nicht impfen. Eltern müssen sich deshalb aber keine Sorgen machen, denn das medizinische Fachpersonal ist diesbezüglich bestens informiert. Die Zahl von anerkannten Impfschäden wird schließlich immer geringer.

Können Sie denn die Bedenken, die manche Eltern haben, verstehen?

Selbstverständlich, denn wenn man beispielsweise im Internet nach Informationen sucht, dann landet man schnell auf der Seite von Impfgegnern. Und das, was man da liest, klingt beunruhigend. Es ist geradezu erschreckend und dramatisch, welche Falschaussagen hier teilweise gemacht werden. Da steht zum Beispiel auf vielen Seiten, dass die Impfung gegen Masern Autismus auslösen könne. Dabei ist längst bewiesen, dass die Studie, die das behauptet hat, manipuliert war. Die Behauptung wurde sogar zurückgenommen – aber sie wird nach wie vor verbreitet. Und so schrecken viele Eltern vor dieser wichtigen Impfung zurück.

Würden Sie Impfungen denn verbindlich vorschreiben?

Das ist in Deutschland ein schwieriges Thema. Es gibt nun einmal ein sehr starkes Elternrecht. Und das ist auch gut so. Eltern wollen selbstverständlich das Beste für ihr Kind. Aber wenn sie falsch informiert sind, können sie nur schwer richtige Entscheidungen treffen. Und im schlimmsten Fall kann das die Gesundheit eines Kindes gefährden. Deshalb plädiere ich dafür, dass Eltern sich, bevor sie sich gegen das Impfen entscheiden, ausführlich bei ihrem Kinderarzt über die Chancen und Risiken einer Impfung informieren.

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