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Interview: Kinderkrankheiten

Interview: Dr. med. Hans Werner Wolf ist Kinder- und Jugendarzt in Mainz und Obmann des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte im Bezirk Mainz

Was sind Kinderkrankheiten?

Den Terminus "Kinderkrankheiten" gibt es in der Medizin so nicht. Landläufig bezeichnet man damit Krankheiten, die häufig schon im Kindesalter auftreten, weil sie hochansteckend sind: Das heißt ein Kind steckt sich in der Regel schon beim ersten Erregerkontakt an und die Krankheit bricht auch aus. Zu diesen so genannten Kinderkrankheiten gehören unter anderem Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Keuchhusten, Ringelröteln und das Dreitagefieber.

Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind erkrankt ist? 

Anzeichen einer Infektionskrankheit ist Fieber. Zudem können je nach Erkrankung die Schleimhäute betroffen sein, dann hat das betroffene Kind auch Schnupfen und Husten, es kann ein Hautausschlag auftreten oder auch Erbrechen und Durchfall. Aber die Symptome sind vom Alter abhängig: Je jünger das Kind ist, desto unspezifischer verläuft gelegentlich das Krankheitsbild. Die genannten klassischen Krankheitszeichen treten in den ersten Lebenswochen manchmal gar nicht auf. Die Kinder können stattdessen blass und trinkschwach sein und auskühlen anstatt zu fiebern.

Was halten Sie von einer Selbstbehandlung mit Hausmitteln wie Wadenwickel bei Fieber oder Zwiebelwickel bei Ohrschmerzen? 

Einem kleinen Kind unter zwei Jahren würde ich bei einer eitrigen Mittelohrentzündung Antibiotika geben, da die Erkrankung nicht ohne Risiko ist. Hat ein älteres Kind im Rahmen einer Erkältung Ohrenschmerzen, die nicht hochakut sind, dann sind Hausmittel wie Zwiebelsäckchen oder Rotlicht gerechtfertigt. Bestehen die Beschwerden fort, sollte man das Trommelfell aber unbedingt nach zwei bis drei Tagen vom Kinderarzt kontrollieren lassen.

Wadenwickel sollte man in den ersten sechs bis zwölf Lebensmonaten nicht machen, da sie den Kreislauf belasten können. Wenn man Wadenwickel macht, muss das Bein warm, also das Fieber bereits gestiegen sein. In der Phase des Fieberanstiegs ist die Haut dagegen bei Kindern meist noch kalt und oft blass oder marmoriert, dann hilft der Wadenwickel wenig. Außerdem dürfen die Wickel selbst nie kalt sein - wie viele denken, sondern müssen körperwarm sein. Einen fiebersenkenden Effekt erzielt man übrigens auch, wenn man mit einer Blumenspritze das Bein benetzt, denn das Verdunsten des Wassers entzieht dem Körper die Wärme. 

Und was ist mit alternativen Methoden wie Homöopathie? 

Schwere bakterielle Infektionskrankheiten müssen auf jeden Fall mit Antibiotika behandelt werden. Aber bei den viel häufigeren viralen Infekten (Erkältungskrankheiten) ist Homöopathie genauso wirksam wie Hausmittel, um die Erkrankung zu lindern.

Wo sind die Grenzen der Selbstbehandlung, wann muss man einen Arzt einschalten?

Wenn ein Kind, das älter als ein Jahr ist, länger als drei Tage über 39 Grad fiebert oder wenn der Husten so stark ist, das er zu Atemstörungen führt, oder Nahrung und Flüssigkeit verweigert wird, oder wenn starke Schmerzen vorliegen. Es kommt aber immer auf die Gesamtschau der Befunde an: Wenn ein Kind fiebert, aber fit ist und rumläuft, kann man mit dem Arztbesuch warten. Ist ein Kind apathisch oder der Allgemeinzustand schwer beeinträchtigt, sollten Eltern schon am ersten Tag den Kinderarzt aufsuchen. Das gilt auch, wenn Verdacht auf eine klassische Kinderkrankheit besteht oder bei Scharlach bzw. einer eitrigen Mandelentzündung. Generell sollte ein krankes Kind umso rascher dem Kinderarzt vorgestellt werden, je jünger es ist. Gerade bei kleinen Kindern - insbesondere Säuglingen - ist es schwer einzuschätzen wie ernst die Krankheit ist. 

Manche Eltern lehnen die Schutzimpfungen ab, weil sie Nebenwirkungen befürchten oder weil sie glauben, diese Krankheiten seien für die Entwicklung des Immunsystems wichtig ... 

Aus ärztlicher Sicht sind die drastischen Beispiele von Impfgegnern absurd - und durch Studien wiederlegt. Impfungen werden in Deutschland streng überwacht und Komplikationen erfasst, unzählige Studien sind nötig bis ein Impfstoff zugelassen wird. Deshalb sind alle Impfstoffe in Deutschland gut verträglich und schwere Nebenwirkungen extrem selten. Damit meine ich nicht, dass Kinder nicht eventuell fiebern können. Das überstehen sie aber folgenlos. Dagegen ist beispielsweise Masern eine sehr ernste Krankheit, die den Allgemeinzustand immer schwer beeinträchtigt - und unter Umständen auch tödlich verlaufen kann.

Auch die These, dass Kinderkrankheiten für das Immunsystem wichtig seien, ist abwegig. Das Immunsystem wird täglich mit Tausenden Viren und Krankheitserregern konfrontiert, an denen wächst es - auch wenn es nicht in Kontakt mit diesen schweren, potenziell komplikationsreichen Erkrankungen kommt. Es ist absurd zu glauben, dass dieser eine Virus, für einen Entwicklungssprung zuständig wäre. Im Gegenteil: Das Immunsystem reift beispielsweise durch eine Masernerkrankung nicht, sondern es wird geschwächt. Dagegen ist die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln eine Lebendimpfung mit schwachen Viren in geringer Dosis, das heißt das Immunsystem wird mit den Impfviren konfrontiert, der Körper macht die Infektion in der Regel unbemerkt durch und baut schützende Antikörper auf.

Wie kann man Kinderkrankheiten vorbeugen? 

Bei den klassischen Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln, Windpocken und Keuchhusten ist die Schutzimpfung die einzig mögliche Vorbeugung. Den viel häufigeren übrigen Infektionskrankheiten kann man mit gesunder Ernährung, viel Trinken, warmer Kleidung in kalten Jahreszeiten, ausreichend Schlaf und Bewegung - und besonders mit einer rauchfreien Umgebung vorbeugen. Es ist nämlich bewiesen, dass Kinder, die mit Zigarettenrauch aufwachsen, häufiger Infekte haben. Wie oft Kinder Infektionskrankheiten bekommen, ist aber auch vom individuellen Immunsystems abhängig: Manche sind ständig krank, andere selten. Im Kindergartenalter sind 10 bis12 fieberhafte Infekte im Jahr nicht ungewöhnlich.

Zum Bericht: Kinderkrankheiten