Elternkurs "Auf den Anfang kommt es an"
Der Elternkurs kann in Buchform (mit einer CD) über die LZG bezogen werden zum Preis von EUR 15.90 (einschließlich Versand):
Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (LZG)
Hölderlinstraße 8
55131 Mainz
www.lzg-rlp.de/
Inhalt
Experteninterview: Tipps zum richtigen Verstehen von Neugeborenen
Elisabeth Linka, Hebamme in der Gesundheitsförderung und Familienpädagogin, zweite Vorsitzende des Hebammen-Landesverbandes Rheinland-Pfalz
Babys sind sprachlos, sie können sich dennoch sehr vielfältig ausdrücken...
Dass Babys nicht sprechen, ist schon das erste Missverständnis. Sie sprechen, ihre Sprache ist das Weinen. Anzuerkennen, dass Weinen die Sprache von Babys ist, löst schon viele Probleme. Deshalb ist es wichtig, weinenden Babys zunächst zuzuhören. Babys sprechen vom ersten Moment ihres Lebens auch mit dem ganzen Körper. Hinhören und hinsehen hilft, ein Baby gut zu verstehen und angemessen auf seine Bedürfnisse zu reagieren. Ablenkungs- und Beruhigungsversuche scheitern oft, weil das Kind sich nicht verstanden fühlt. Ein Baby, das müde ist, will schlafen und nicht noch mehr trinken oder durch "spielen" unterhalten werden.
Trotzdem fühlen sich Eltern oft überfordert, weil sie ihr Baby nicht verstehen - vor allem wenn es das erste ist...
Eltern haben eine natürliche Fähigkeit sich auf ihr Kind einzulassen und es zu verstehen. Tatsächlich ist das aber für immer mehr junge Eltern heute schwierig. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen fehlen Vorbilder aus Kindheit und Jugend, denn es ist nicht mehr selbstverständlich das Aufwachsen von Babys beobachten zu können. Außerdem spielt in der Schwangerschaft und unter der Geburt medizinische Sicherheit eine große Rolle. Die emotionale Sicherheit der Eltern kann sich darin oft nicht gut entwickeln. Die Angst vor einem scheinbar allgegenwärtigen "Risiko" beunruhigt. Das trägt nicht dazu bei, dass Frauen die Schwangerschaft entspannt genießen können und "guter Hoffnung" die Signale des ungeborenen Kindes spüren.
Außerdem wird in unserer Gesellschaft oft nicht mehr wahrgenommen, dass die Veränderungsprozesse in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und der ersten Lebenszeit mit einem Kind viel Zeit und Ruhe brauchen. Eltern und Baby brauchen "Flitterwochen", um sich kennen zu lernen. Stapelweise Ratgeber können eine liebevolle zurückhaltende Begleitung durch Menschen nicht ersetzen.
Was sind im Alltag typische Gründe für Kommunikationsprobleme zwischen Eltern und Baby?
Zu den Grundbedürfnissen von Babys gehört noch einiges mehr als Ernährung und Pflege. Eltern suchen die Ursachen für Weinen natürlicherweise zunächst auf dieser Ebene. Sie denken, ihr Kind habe Hunger, sei Nass oder habe Schmerzen - zum Beispiel werden Blähungen sehr oft überbewertet. Säuglinge drücken aber auch andere Bedürfnisse aus. Sie weinen aus Angst, Anspannung, dem Bedürfnis nach Nähe, weil sie überreizt und müde sind. Schlaf ist ein ganz wichtiges, grundlegendes Bedürfnis der kleinen Kinder. Viele weinende Babys sind einfach nur müde. Damit sie Schlaf finden können, brauchen sie Schutz vor zuviel Reizen.
Eine klassische Alltagssituation ist, dass Eltern mit ihrem vier Wochen alten Säugling einkaufen gehen und das Kind präsent in der Babyschale auf dem Einkaufswagen liegt. Dort ist es ungeschützt und allen Reizen ausgeliefert, die wir Erwachsene als selbstverständlich ansehen. Wenn das Baby später viel weint wird der Zusammenhang zu den Erlebnissen beim Einkauf im Supermarkt nicht mehr hergestellt. Dann sind es die berühmten Blähungen oder die Milch reicht nicht. Was Eltern im Alltag als normal und stressfrei erleben, potenziert sich aber für ein kleines Kind. Babys wollen langsam auf diese Welt ankommen!
Als Faustregel kann gelten: Anregung und Ruhezeit sollen sich die Waage halten. Nach einer halben Stunde spielen, braucht ein Baby also eine halbe Stunde Ruhezeit im Arm oder im Bettchen.
Gerade längeres Weinen oder Schreien setzt Eltern unter Druck. Warum Schreien Babys und wie viel Schreien ist "normal"?
Kinder weinen, weil ihre Bedürfnisse - wie Nahrung, Schlaf, körperliche Nähe - nicht erfüllt sind, weil sie reizüberflutet sind oder Schmerzen haben. Letzteres erkennt man daran, dass ein Baby beim Weinen sehr viel gähnt.
Jedes Kind hat vom Tag der Geburt an eine Schreiphase im Laufe des Tages, meistens in den frühen Abendstunden ab 17.00 Uhr. Der Höhepunkt des Schreiens liegt meist um die sechste Lebenswoche. Diese abendliche Weinzeit ist normal. Die Kinder sind müde und geben Signal, dass ihr Tag vorbei ist, können aber noch nicht selbst zur Ruhe kommen. Ein Teufelskreis entsteht dann, wenn die Eltern statt zurückzufahren und das Kind ruhig festzuhalten, es weiter anregen, mit ihm spielen oder es im Auto rumfahren.
Wenn ein Baby weint, ist es wichtig körperlich nah zu sein, aber innerlich Distanz zu halten, es beispielsweise auf dem Arm zu halten und zu zeigen "Ich bin für dich da", und vielleicht gleichzeitig Zeitung zu lesen. Im eigenen Interesse sollten Eltern überlegen, welche Methode für beide Seiten sinnvoll ist - vor allem auch für die Eltern. Dem Kind wird es nur gut gehen, wenn es auch den Eltern gut geht.
Wann spricht man von "Schreikindern"?
Laut Definition schreien "Schreibabys" pro Tag mehr als drei Stunden an mehr als drei Tagen in der Woche und über einen Zeitraum von mehr als drei Wochen hinweg. Danach gibt es ganz wenige wirkliche "Schreikinder". Im Einzelfall ist aber schlichtweg entscheidend, wie viel Schreien die Eltern ertragen können.
Wo finden Eltern Hilfe, die Schreibabys haben oder andere Probleme mit ihren Babys?
Die erste Unterstützung bieten Hebammen. Sie kommen auch nach Hause, beraten junge Eltern und können eine Lotsenfunktion übernehmen, wenn es Probleme gibt. Jede Frau hat Anspruch auf Hebammenhilfe in der Schwangerschaft, unter der Geburt und nach der Geburt bis zum Ende der Stillzeit. Das zahlt die Krankenkasse. Während der Geburt ist immer eine Hebamme anwesend, aber für die Betreuung vor und nach der Geburt, müssen sich Frauen selber eine Hebamme suchen. Listen gibt es beispielsweise beim Hebammen-Landesverband, den Krankenkassen oder in den "Gelben Seiten". Außerdem bieten die kirchlichen und kommunalen Lebens- und Familienberatungsstellen Elternkurse und Schreisprechstunden an.
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