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Leben Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen, weniger gesund?
Es kann durchaus einen Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund eines Menschen und seiner Gesundheit geben. Die Kultur bestimmt unsere Lebensweisen, unser Essverhalten, unser Denken und unsere Empfindungen. Es ist aber nicht so, dass Menschen aufgrund eines bestimmten Migrationshintergrundes häufiger krank sind als andere. Die Umstände der Migration beeinflussen die Gesundheit viel mehr als der kulturelle Hintergrund. Insofern hat es eher politische, aber auch soziale Gründe, dass Migrantinnen und Migranten schlechtere Gesundheitschancen haben.
Welche politischen Gründe können das sein?
Traumatische Erlebnisse in der Heimat, wie zum Beispiel politische Verfolgung und Folter, spielen da eine Rolle. Aber auch der Umstand durch Flucht fern von Familie, nahen Verwandten und Freunden zu sein und im Exil zu leben. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Gesundheit. Hier ist vor allem die Gruppe der Flüchtlinge betroffen. Sie brauchen meist psychotherapeutische Hilfe, um ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten zu können. Dies sind Fallbeispiele, in denen Migration selbst krank machen kann. Aber bei der großen Mehrheit der Zugewanderten in Deutschland ist das nicht der Fall. Da gibt es andere Ursachen.
Welche Ursachen sind das?
Die liegen mehr im psycho-sozialen Bereich. Das sind insbesondere die Arbeitsmigranten, die ab Mitte der 50er Jahre nach Deutschland gekommen sind. Sie wurden damals „Gastarbeiter“ genannt. Diese Gruppe hat in der Produktion unter schwierigsten Situationen arbeiten müssen. Schwere körperliche Arbeit, Schichtbetrieb und Kontakt mit gesundheitlich gefährdenden Stoffen haben diese Menschen, in erster Linie die erste und zweite Generation, gesundheitlich sehr belastet. Hinzu kamen niedrige Einkommen und schwierige Wohnverhältnisse. Schon damit haben sie ein höheres Risiko krank zu werden. Erschwerend kommen noch ungünstiges Essverhalten, wenig Bewegung und mangelndes Gesundheitswissen hinzu.
Aber das gilt doch nicht nur für Migrantinnen und Migranten?
Das ist richtig, jedoch nehmen vor allem Migrantinnen und Migranten die Angebote unseres Gesundheitssystems nicht ausreichend wahr. In der Vorsorge wird dies sehr deutlich. Viele Vorsorgeuntersuchungen kennen sie nicht, auch andere Präventionsmaßnahmen fallen weg - vielfach aus Unkenntnis. Oft sind sie nicht informiert darüber, dass es diese Angebote gibt.
Aber die Krankenkassen informieren doch alle ihre Mitglieder...?
Solche Informationen kommen einfach nicht an. Zwischen all der Post und den bunten Werbeprospekten geht so etwas unter. Man fühlt sich nicht persönlich angesprochen. Die Leute sind damit zum Teil überfordert. Sie erkennen oft gar nicht, dass das etwas Wichtiges ist. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass gerade die Älteren die deutsche Sprache gar nicht oder nur unzureichend verstehen.
Was kann man da tun?
Wir haben in Koblenz gute Erfahrungen damit gemacht, die Zielgruppen direkt und in ihrer Muttersprache anzusprechen. Wir pflegen gute Beziehungen zu verschiedenen Migrantengruppen. Von einem Sprachkurs für Mütter, über kulturspezifische Angebote für Seniorinnen bis hin zur vorschulischen Förderung von Kindern halten wir ein buntes und breites Angebot vor. Diese Kontakte nutzen wir, um Informationen über die Gesundheit und Vorsorge zu transportieren. Ganz neu haben wir eine Theatergruppe gegründet, mit dem Ziel unter anderem gesundheitsrelevante Themen aufzugreifen. Weiter führen wir Schulungen für Multiplikatoren speziell zu diesem Thema durch. Sie sollen in ihrem Umfeld aufklären und für die Gesundheitsvorsorge sensibilisieren.
Sind es nur sprachliche Barrieren und fehlende Informationen, die Migrantinnen und Migranten daran hindern, die Angebote des Gesundheitssystems zu nutzen?
Nicht allein, neben Unkenntnis gibt es auch Hemmungen. Wenn man das ändern will, muss sich auch auf der Anbieterseite etwas tun. Interkulturelle Öffnung ist das Zauberwort. Eine gelungene interkulturelle Öffnung muss sich auch im Mitarbeiterteam widerspiegeln. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten zu interkultureller Kompetenz geschult und befähigt werden. Wichtig dabei ist, kulturelle Unterschiede und sprachliche Barrieren zuerst einmal wahrzunehmen und zu verstehen. Erst dann ist es möglich auf kulturspezifische Bedürfnisse einzugehen. In unserer Abteilung, hier bei der AWO Rheinland, arbeiten mittlerweile über zwölf verschiedene Nationalitäten. Dadurch konnten ganz neue Zielgruppen angesprochen werden. Diese Öffnung ist besonders in stationären Einrichtungen, wie in Krankenhäusern und in Altenheimen, dringend nötig. In Deutschland leben mittlerweile über vier Millionen Muslime; deren religiöse Bedürfnisse zu berücksichtigen, wird eine der großen zukünftigen Herausforderungen sein.