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Soulfood - das Interview

Interview mit der Diplom-Psychologin Esther Hilterscheid. Sie promoviert an der Universität Trier im Fachbereich Klinische und Physiologische Psychologie zum Thema Stress und Appetitregulation.

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, sagt eine Volksweisheit. Was sagen Sie als Psychologin dazu?

Ich stimme dem zu. Essen ist nicht nur dazu da, dass man satt wird. Es geht beim Essen um viel mehr, als nur darum für die nötige Energie zu sorgen. Essen trägt auch zur Zufriedenheit und zum Wohlbefinden eines Menschen bei. Man kann beispielsweise nachweisen, dass im Gehirn die Schaltkreise für Sättigung und Belohnung miteinander verknüpft sind. Essen kann also in einem gewissen Sinne eine Belohnung darstellen. Manche Wissenschaftler gehen noch weiter – sie gehen davon aus, dass Essen eine Art Selbstmedikation sein kann: Man weiß beispielsweise, dass bei der Auswahl von Nahrungsmitteln bestimmte Botenstoffe im Gehirn beteiligt sind, sogenannte Opioide. Die sorgen dafür, dass Lebensmittel mit einer hohen Energiedichte, also vielen Kalorien, bevorzugt werden. Diese Opioide bringt man mit beruhigenden, schmerzstillenden, aber auch stimmungsaufhellenden Wirkungen in Verbindung.

Heißt das: Schokolade essen macht glücklich?

Man geht davon aus, dass zucker- und fetthaltige Nahrungsmittel stressdämpfend wirken können, dazu gehört auch Schokolade. Es gibt aus Studien Hinweise dafür, dass man diese positive Verknüpfung in Verbindung mit Zucker und Fett besonders schnell erlernt. Schokolade essen ist aber auch – über Zucker und Fett hinaus - mit bestimmten Erinnerungen verbunden. In der Regel sind das positive Dinge, die man mit Schokolade in Verbindung bringt. Im Prinzip gilt dieser Zusammenhang von Essen und Wohlbefinden nicht nur für Schokolade – alles, was uns schmeckt, was wir mit einem guten Geschmack in Verbindung bringen, tut uns gut. Solche Nahrungsvorzüge kommen hauptsächlich über unsere Gewohnheiten und Erfahrungen. Uns schmeckt gut, was wir kennen, was wir oft essen, womit wir aufgewachsen sind. Das fängt im Mutterleib an – da lernen wir schon, welche Geschmäcker uns gut tun.

Es könnten uns also auch bittere oder saure Speisen sehr gut tun?

Der Geschmack und der Geruch spielen bei der Auswahl von Nahrung eine große Rolle. Bei diesem Thema läuft auch immer noch ein evolutionäres Programm mit: Bittere Nahrungsmittel liegen uns in der Regel nicht so, denn wir wissen: Was bitter schmeckt, könnte schlecht sein, sogar vergiftet. Das gilt auch für Dinge, die sauer schmecken oder riechen: Diese Lebensmittel könnten verdorben sein. Solche Nahrungsmittel essen oder trinken wir nur, wenn wir gelernt haben, dass uns das nicht schaden wird. Da ist Kaffee vielleicht ein gutes Beispiel. Aber grundsätzlich gilt: Alles was fett und süß ist, schmeckt uns gut. Dabei scheint es in Bezug auf das „Wieviel“ auch einen Lerneffekt zu geben: Bin ich erst einmal daran gewöhnt, eine bestimmte Menge Zucker zu mir zu nehmen, dann bin ich unzufrieden, wenn ich weniger bekomme.

Diese Nahrung für’s seelische Wohlbefinden ist ja ziemlich ungesund ...

Nicht unbedingt, es kommt auf das Maß an. Im Prinzip ist gegen Zucker und Fett nichts einzuwenden, es sind überlebenswichtige Bestandteile der Nahrung. Man sollte aber vermeiden, häufiger als nötig zu Lebensmitteln mit einem sehr hohen Fett- oder Zuckergehalt zu greifen. Das ist schwierig, weil diese Lebensmittel, im Gegensatz zu früher immer verfügbar sind. Da kann es schnell zur schlechten Angewohnheit werden, immer zu essen, wenn man gestresst ist, um sich kurzfristig besser zu fühlen. Dabei sind vor allem Lebensmittel problematisch, die in einem hohen Maße industriell verarbeitet sind und eine hohe Energiedichte aufweisen, wie Süßigkeiten und Snacks. Die sollte man selten zu sich nehmen.

Worauf sollte man denn beim Essen noch achten?

Essen hat eine verbindende Wirkung. Ein gemütliches Essen im Kreis der Familie oder mit Freunden macht uns zufrieden und ist gesund: Gemeinsames Essen ist eines der wichtigsten Familienrituale, es verbindet Freunde, Partner, Kollegen. Außerdem gibt es Kulturvergleiche, wonach es in Kulturen, in denen es nicht üblich ist, sich in Ruhe hinzusetzen und gemeinsam zu essen, mehr übergewichtige Menschen mit entsprechenden gesundheitlichen Problemen gibt. Gemeinsam essen heißt, sich Zeit zu nehmen für sich und die anderen, das Essen zu genießen und es nicht alleine schnell in sich hineinzustopfen.

Es ist also wichtig, beim Essen die Gemeinschaft zu suchen?

Definitiv. Essen ist ein ganz wichtiges soziales Ereignis. Denn das gemeinsame Essen gehört in unserer Gesellschaft dazu – wir gehen gemeinsam in die Mittagspause, werden eingeladen oder kochen zusammen. Umgekehrt gilt:

Probleme beim Essen - zum Beispiel Allergien oder Unverträglichkeiten - erschweren den Zugang zu vielen sozialen Situationen. Auch wer Probleme damit hat, in der Öffentlichkeit zu essen, das kommt bei Essstörungen vor, hat es schwer, soziale Kontakte zu pflegen.

Zusammengefasst: Wie essen wir uns glücklich?

Wenn wir uns Zeit nehmen, wenn wir unsere Mahlzeiten genießen und essen, worauf wir Appetit haben. Wer sich tagtäglich bestimmte Lebensmittel verbietet und sich ständig bemüht, möglichst wenig zu essen, wird auf Dauer möglicherweise unzufrieden. Die ständige gedankliche Beschäftigung damit, was man essen sollte und was nicht, kann Stress bedeuten und sich auf die Stimmung auswirken. Wer Hunger auf Süßes hat, sollte das nicht ständig ignorieren. Es muss ja nicht unbedingt Schokolade sein - auch Obst ist süß. Psychologisch ist es wichtig, dass alle Sinne befriedigt werden. Am besten ist es daher, das Essen selbst zuzubereiten, in der Familie oder mit Freunden: Man plant eine Mahlzeit in freudiger Erwartung, kauft ein, schaut sich die Sachen genau an, riecht das Essen, ertastet es, probiert zwischendurch beim Kochen. Langsam essen, mit allen Sinnen, nicht so nebenbei - all das macht zufrieden und nicht nur satt.

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