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Christian Neumann ist Kinder- und Jugendarzt in Zweibrücken und Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Rheinland-Pfalz
Was sind Früherkennungsuntersuchungen - so genannte U-Untersuchungen - und warum sind sie wichtig?
Die Früherkennungsuntersuchungen sind in spezifische Altersabschnitte gegliederte Untersuchungen für Kinder und Jugendliche, um bestimmte Krankheiten oder Entwicklungsstörungen möglichst früh zu erkennen und zu behandeln. Jede U-Untersuchung legt den Focus auf Erkrankungen, die in der entsprechenden Altersgruppe häufig auftreten und schnell behandelt werden sollten. Bei den frühen Untersuchungen schaut der Arzt vor allem nach körperlichen Entwicklungsstörungen, bei den späteren auch nach Sozialisationsstörungen. Meistens gibt es keine schwerwiegenden Befunde, sondern leichte Auffälligkeiten, die aber zu Entwicklungsstörungen führen können, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird. Hörstörungen beispielsweise werden häufig erst bei der U6, Sprachverzögerungen bei der U7 bemerkt. Aber dann sollte man sie auch entdecken, um die Weichen richtig zu stellen.
Für alle Früherkennungsuntersuchungen sind Zeiträume angegeben. Müssen diese Termine eingehalten werden?
Ja, sie sollten aus zwei Gründen eingehalten werden: In dem für jede U vorgegeben Zeitraum ist besonders leicht festzustellen, ob die Entwicklung des Kindes bis dahin altersgemäß verlaufen ist, da viele Vergleichsdaten für diesen bestimmten Altersabschnitt vorliegen. Außerdem finanzieren die Krankenkassen die Untersuchungen nur, wenn sie zu den vorgegebenen Terminen stattfinden.
Auch angesichts des neuen rheinland-pfälzischen Landesgesetzes zum Schutz von Kindeswohl und Kindergesundheit ist das wichtig. Denn die Ärzte sind verpflichtet, die Durchführung der Untersuchung bei einer zentralen Stelle, dem Zentrum für Kindervorsorge, zu melden. Andernfalls bekommen die Eltern eine Aufforderung, mit ihren Kindern die Untersuchung wahrzunehmen.
Umfassen die Vorsorgeuntersuchungen auch die Zahngesundheit oder sind zusätzlich Zahnarztbesuche nötig?
Bei den U-Untersuchungen werden auch die Zähne kontrolliert und die Kinderärzte kennen sich mit den Zahnproblemen im Kindheitsalter gut aus. Wenn sie Auffälligkeiten entdecken überweisen sie an den Zahnarzt oder Kieferorthopäden. Trotzdem ist die zusätzliche, regelmäßige Vorsorge beim Zahnarzt sinnvoll sobald das Gebiss vollständig ist, also mit etwa zweieinhalb bis drei Jahren.
Wie werden die Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche angenommen?
Die U1 bis U6 im ersten Lebensjahr werden sehr gut angenommen, auch weil sie häufig mit Impfungen verknüpft sind. Dann bröckeln die Zahlen: Zur U7 bis U9 gehen nur noch etwa 70 Prozent, das heißt ein drittel des Jahrgangs fehlt. An der J1, die zwischen zwölf und vierzehn Jahren stattfindet, sinkt die Teilnahme noch einmal erheblich. Ich kenne Zahlen von um die 25% eines Jahrgangs. In unserer Praxis sind es nur rund 40 Prozent der Jugendlichen, die Untersuchung wahrnehmen. Und das ist viel zu wenig, wenn man bedenkt, dass die Pubertät eine schwierige Entwicklungsphase ist und deshalb in dieser Altersgruppe noch mal besonders auf Entwicklungsstörungen geachtet werden sollte.
Insbesondere bei den Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus bildungsfernen Familien muss dafür geworben werden, dass auch alle älteren Kinder die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Denn insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien leiden häufiger unter Entwicklungsstörungen. Manche Eltern gehen mit ihren Kindern auch deshalb nicht mehr zu den U-Untersuchungen, weil sie Angst haben, dass Störungen entdeckt werden. Aber je früher man eingreift, desto einfacher sind Auffälligkeiten zu behandeln.
Ist das besorgniserregend, wenn die Teilnahmequote so stark nachlässt?
Es sind ausgelassene Chancen, Verzögerungen oder Erkrankungen rechtzeitig zu erkennen. Deshalb betrachten wir Kinderärzte das mit Sorge. Im Alter zwischen fünf und 15 sind die meisten Kinder und Jugendlichen nie krank. Sie haben die Kinderkrankheiten hinter sich, das Immunsystem läuft auf vollen Touren und wegen eines Schnupfens gehen die Eltern dann nicht mehr zum Arzt. Wenn sie auch nicht zur Vorsorgeuntersuchung kommen, sehen wir diese Kinder gar nicht mehr - oder leider meist zu spät. Schulentwicklungsstörung beispielsweise, die in den ersten Grundschuljahren auftreten können, kriegen wir Kinderärzte meist erst zu sehen, wenn die Rechtschreib- oder Konzentrationsschwäche schon da ist. Wenn die Kinder die zusätzliche U10 im Alter von sieben bis acht Jahren wahrnehmen würden, könnte man früher eingreifen.
In Rheinland-Pfalz wurde Ende Februar das Kinderschutzgesetz verabschiedet, das auch ein verbindliches Einladungswesen für die Früherkennungsuntersuchungen vorsieht ...
Das ist ganz sicher eine sinnvolle Maßnahme, um die Familien an die Vorsorgen heranzuführen, die sie bisher nicht genutzt haben. Auch der eine oder andere Fall von Kindesvernachlässigung wird dann frühzeitig erkannt und die Chancen steigen, dass die richtigen Hilfen angeboten werden können.
Zum Bericht: Alle sind wichtig ....