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Der Weg zum Briefkasten ist für Marlies M. schon lange keine Freude mehr. Regelmäßig fallen der 36-jährigen Mutter dort Rechnungen, Mahnungen, Mahn- und Vollstreckungsbescheide entgegen. Den Überblick hat sie lange verloren. Täglich rechnet sie damit, dass morgens das Licht nicht mehr angeht, weil die Familie ihre Stromrechnung seit Monaten nicht bezahlt hat. Marlies und Klaus M. haben für sich und ihre zwei Kinder ein Einfamilienhaus gekauft und neu eingerichtet. Marlies ist wegen der Kinder nicht berufstätig. Klaus, Kassierer in einer Bank, ist vor einem Jahr durch Rationalisierungsmaßnahmen arbeitslos geworden. Die Schulden bei der Bank, den Energie- und Telekommunikationsunternehmen belaufen sich mittlerweile auf 150.000 Euro.
Arbeitslosigkeit ist auch in Rheinland-Pfalz eine der Hauptursachen für Überschuldung, resümiert Werner Sanio, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schuldnerfachberatungszentrum (SFZ) Mainz an der Universität Mainz -allerdings oft im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wie Trennung und Scheidung oder der fehlenden Kompetenz im Umgang mit Geld oder einem übermäßigen Konsumverhalten. Bei der überwiegenden Zahl der Fälle in der Schuldnerberatung im Bundesland handelt es sich um Familien oder um Paare, die getrennt leben oder gerade geschieden wurden, wie die Statistik zum Jahr 2005 zeigt. Gleich an vierter Stelle der Hauptursachen steht die gescheiterte Selbstständigkeit.
Wie im Fall von Sonja D., 23 Jahre alt: Sie ist allein Erziehende eines Kleinkindes und gerät in die Überschuldung, als sie sich mit einer Imbissstube eine Existenz aufbauen will. Sie macht zu wenig Umsatz, und es kommt zu Problemen mit den Lieferanten, dem Verpächter und dem Finanzamt. Die Folgen: 25.000 Euro Schulden, Mahnungen häufen sich, die Hausbank kündigt den Dispokredit und zieht die Kreditkarte ein. Die Kündigung der Wohnung droht.
"Die Betroffenen versuchen in der Regel sehr lange, selbst mit dem Problem zurechtzukommen", weiß Sanio. Doch die Gläubiger nehmen die Schuldner als Gesprächspartner häufig nicht ernst und gehen auf deren eigene Vorschläge zur sukzessiven Tilgung der Schulden nicht ein. Das führt die Betroffenen immer tiefer in einen Teufelskreis. "Viele leihen auch in einer Kurzschlussreaktion weiteres Geld, um die ursprünglichen Schulden zu bezahlen", weiß Sanio. "Doch eine solche "Umschuldung" wird unterm Strich immer teurer."
Ein weiteres Problem: Für viele Schuldner ist der Briefverkehr nicht verständlich, der Unterschied zwischen Mahnung und Mahnbescheid nicht bekannt, die Dringlichkeit eines Vollstreckungsbescheides nicht wirklich bewusst. Irgendwann greift dann nur noch die "Vogel-Strauß-Taktik": Briefe werden monatelang ungeöffnet beiseite gelegt oder weggeworfen.
Dabei hat mit dem seit 1999 geltenden Verbraucherinsolvenzverfahren mittlerweile jeder Schuldner eine Chance auf einen Neubeginn. Bei der Verbraucherinsolvenz wird dem Schuldner eine gewisse Summe Geldes erlassen und der Gläubiger kann den Vorgang aus der Verfolgung nehmen und muss somit "dem schlechten Geld nicht noch gutes hinterherwerfen", erläutert Sanio. "Der Erlass ist also auch ein Vorteil für den Gläubiger. Denn Fakt ist, dass beispielsweise in Rheinland-Pfalz in 77 Prozent der Schuldner in 2005 überhaupt nicht pfändbar waren - sprich der Gerichtsvollzieher musste ohnehin unverrichteter Dinge wieder gehen."
Grundsätzlich rät Sanio, so früh wie möglich eine Schuldnerberatung in Anspruch zu nehmen. "Je früher die Betroffenen Hilfe suchen, umso besser kann ihnen geholfen werden. Auf gar keinen Fall sollten sie allerdings zu so genannten Schuldenregulierern oder anderen privaten Beratungsfirmen gehen. Bei den Anbietern handelt es sich um eine bunte Mischung aus gutwilligen, aber inkompetenten Selbstständigen und kriminellen Abzockern. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie keine Lösungen produzieren", warnt der Experte. "In Rheinland-Pfalz sind seriöse Beratungsstellen immer kostenlos. Wenn keine bekannt sind, können die Betroffenen gerne bei ihrer örtlichen Gemeinde oder dem SFZ nachfragen."
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